Einmal blühen lassen statt umbrechen

10/26 | BienenSchweiz
Michelle Knecht, Redaktion Schweizerische BienenZeitung, (michelle.knecht@bienenschweiz.ch)


Salbei wird in der landwirtschaftlichen Produktion meist vor der Blüte geschnitten, weil dann der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten ist. Diesen Sommer liess Ricola gemeinsam mit BienenSchweiz erstmals nicht benötigte Salbeiflächen blühen. So wurden die Flächen für mehrere Wochen zur Nektarquelle für Bienen und andere Bestäuber – obwohl der Kräuteranbau sonst wenig Spielraum für Beikräuter und Rückstände lässt.

Auf zwei Kräuterbetrieben im Oberaargau durften diesen Sommer jeweils rund eine halbe Hektare Salbei blühen. Die Bestände wurden für das geplante Produktionsvolumen von Ricola nicht benötigt und hätten normaler­weise vorzeitig umgebrochen werden können. Stattdessen konnten die Pflanzen für die Insekten ausblühen und die Kräuterbauern wurden entsprechend entschädigt. Gerade von Sommer bis Frühherbst ist es für viele Insekten vieler­orts besonders kritisch, da vieles bereits gemäht wurde und nur noch wenig blüht. Mit den blühenden Salbeiflächen entstand über mehrere Wochen ein zusätzliches Nahrungsangebot für Hummeln, Schmetterlinge und ande­re Bestäuber. Unter den Blütenbesuchern wurden häufige Arten wie Garten-, Acker- und Erdhummeln, verschiedene polylektische Furchen- und Schmalbienen, Honigbienen und Weisslinge beobachtet.

Auch Ackerhummeln waren auf den Feldern unterwegs. Sie sind noch bis spät im Jahr aktiv (Foto: Patrick Güller).

Alte Heilpflanze

Der Echte Salbei, Salvia officinalis, ist hierzulande sicherlich eine der am meisten genutzten Salbeiarten. Ursprünglich stammt er aus dem Mittelmeerraum, fühlt sich aber längst auch hier wohl, zumindest dort, wo es sonnig ist und der Boden durchlässig genug ist. Seine Geschichte als Heilpflanze geht weit zurück. Im Mittelalter wurde der Echte Salbei über die Alpen gebracht und fand in vielen Klostergärten einen festen Platz. Auch heute noch wird Salvia officinalis in der Pharmazie in Zubereitungen aus frischen oder getrockneten Blättern verwendet. Sie werden traditionell bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum, bei Halsschmerzen oder auch bei Schweissausbrüchen eingesetzt. In den Drüsenschuppen und -haaren der Blätter werden ätherische Öle gespeichert, die für den typischen «Salbei-Duft» verantwortlich sind.

Die Blüte ist nicht für alle

Zusammen mit Minze, Thymian oder Rosmarin gehört auch Salbei zur Familie der Lippenblütler. Die meisten Vertreter dieser Familie sind reich an ätherischen Ölen und haben charakteristische Blüten, die aus einer Oberlippe und Unterlippe bestehen. Die Unterlippe dient dabei als praktischer Landeplatz für die Blütenbesucher. Damit die Pflanze ihren Pollen nicht unnötig «verschwendet», verfügt die Blüte über einen raffinierten Mechanismus: Drückt ein geeigneter Blütenbesucher beim Nektarsaugen auf einen bestimmten Teil der Blüte, werden die Staubblätter bewegt. Dabei wird der Pollen auf den Rücken des Insekts gedrückt. Beim Besuch der nächsten Blüte gelangt dann der Pollen auf die Narbe der nächsten Blüte. Allerdings ist nicht jeder Besucher gleich gut geeignet, um diesen Mechanismus auszulösen. 

Beim Wiesensalbei (Salvia pratensis), der als Wildstaude häufig auf Wiesen vorkommt, liegt der Nektar ebenfalls tief in der Blütenröhre. Kurzrüsselige Hummeln wie Erdhummeln haben es da schwer. Auf klassischem Weg kommen sie kaum an den Nektar. Einige wissen sich aber durch einen Trick zu helfen. Sie beissen seitlich ein Loch in die Blütenröhre, um direkt an den Nektar zu kommen. Bei diesem Nektarraub wird die Blüte allerdings nicht bestäubt. Für Hummeln mit einem langen Rüssel, wie die Gartenhummel, sind selbst die tiefen Blüten des Salbeis ein Kinderspiel: Ihr Saugrüssel kann bis zu 21 mm lang sein. Gartenhummeln wurden übrigens besonders häufig auf den Salbeiflächen angetroffen.

Nahrung im «Sommerloch»

Die meisten Hummelarten erreichen ihre grösste Volksstärke im Juli/August, manche Arten wie die Ackerhummel sogar erst im September oder Oktober. Wenn sie im Sommer zu wenig Nahrung finden, kann das Hummelvolk im schlimmsten Fall zusammenbrechen. Für sie und andere Wildbienen, die im Sommer aktiv sind, ist ein ausreichendes Blütenangebot unerlässlich. Nebst einem kontinuierlichen und vielfältigeren Blütenangebot braucht es auch geeignete Lebensräume, Nistplätze in der Nähe und einen möglichst geringen Pestizideinsatz. Ohne den Schutz und die Erschaffung naturnaher Lebensräume mit genügend Kleinstrukturen wird es für Wildbienen und andere Insekten immer schwieriger, geeignete Lebensbedingungen zu finden. 

Eine Kulturfläche bleibt eine Kulturfläche. Eine blühende, unbehandelte Kulturfläche bietet zumindest mehr Nahrung als ein karges Feld, ersetzt aber keineswegs naturnahe Lebensräume. Um Wildbienen und andere Insekten längerfristig fördern zu können, braucht es natürlich weit mehr als Salbei. Trotzdem zeigt das Testprojekt von Ricola und BienenSchweiz, wie Salbei-Überschussbestände in einer ansonsten blütenarmen Landschaft vorübergehend zu kleinen Tankstellen für einige Bestäuber werden könnten, bevor die Flächen für eine andere Kultur umgebrochen werden.

Ganz so bunt ist es normalerweise nicht. Diese Salbeiflächen durften dieses Jahr blühen (Foto: Patrick Güller).

Nachgefragt bei Jenny Kunz, Director Sustainability bei Ricola 

Ricola und Bienen: Wie passt das zusammen?

    Bienen und andere Bestäuber spielen eine zentrale Rolle für funktionierende Ökosysteme und damit auch für die Landwirtschaft. Als Unternehmen, dessen Produkte auf landwirtschaftlichen Rohstoffen basieren, sind wir auf gesunde Böden, robuste Pflanzen sowie diverse Bestäuber angewiesen. Dafür benötigen wir eine hohe Biodiversitätsleistung in unseren Produktionssystemen. 

    Ihr habt bereits im Vorfeld Projekte mit BienenSchweiz umgesetzt. Wo seht ihr den Mehrwert bei einer Zusammenarbeit?

    Der Mehrwert liegt vor allem darin, dass unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen. BienenSchweiz bringt fundiertes Fachwissen und praktische Erfahrung im Bienenschutz mit, während wir als Unternehmen Reichweite, Ressourcen und die Möglichkeit zur Sensibilisierung verschiedener Anspruchsgruppen einbringen können. Gemeinsam lassen sich konkrete Massnahmen umsetzen, die einen echten Beitrag zur Förderung von Bestäubern und zur Biodiversität leisten. Zudem zeigen solche Partnerschaften, dass nachhaltige Lösungen am wirksamsten sind, wenn Organisationen aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. 

    Als Nahrungsmittelproduzent seid ihr auf ein funktionierendes Ökosystem angewiesen. Wie setzt ihr euch dafür ein?

    Für uns beginnt Nachhaltigkeit beim Anbau unserer Rohstoffe. Gemeinsam mit unseren Produzent:innen setzen wir auf Anbaumethoden, die unter anderem Biodiversität fördern und natürliche Ressourcen schonen. Darüber hinaus engagieren wir uns in verschiedenen Projekten und Partnerschaften, die Lebensräume für Bestäuber stärken und so die Artenvielfalt fördern. Zum Beispiel haben wir vor zwei Jahren begonnen, Sandlinsen für Insekten auf den Betrieben unserer Zuckerrübenproduzent:innen zu installieren. Unser Anspruch ist es, langfristig einen positiven Beitrag für die Ökosysteme zu leisten, von denen wir abhängig sind. 

    Wo seht ihr diesbezüglich die grössten Herausforderungen?

    Eine der grössten Herausforderungen ist der fortschreitende Verlust der Biodiversität und Bodenqualität. Gleichzeitig wirken sich Klimawandel, Extremwetterereignisse und Veränderungen von Lebensräumen zunehmend auf Bestäuber und landwirtschaftliche Kulturen aus und führen zu immer grösser werdenden Ertragsschwankungen. Diese Entwicklungen sind komplex und eng miteinander verbunden. Umso wichtiger ist es, langfristig zu denken und gemeinsam mit Partnern aus Landwirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Wirtschaft Lösungen zu entwickeln, die sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich tragfähig sind. Es darf nicht sein, dass wir diese Problematik auf die Produzent:innen abschieben – die ganze Wertschöpfungskette trägt die Verantwortung. Denn ohne Kräuter kein Ricola.

    Wie sieht die zukünftige Zusammenarbeit aus? Was können wir gemeinsam bewegen?

    Ich bin überzeugt, dass wir dann am meisten erreichen, wenn wir den Mut haben, Dinge auszuprobieren und voneinander zu lernen. Die Förderung von Bestäubern ist ein komplexes Thema, bei dem unterschiedliche Interessen und Erfahrungen zusammenkommen. Gerade deshalb ist der Austausch zwischen Unternehmen, Landwirtschaft und Fachorganisationen so wertvoll. Indem wir gemeinsam pilotieren, experimentieren und Erkenntnisse teilen, können wir Lösungen entwickeln, die breit abgestützt sind und langfristig Wirkung entfalten.

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