Asiatische Hornisse in der Schweiz im Jahr 2023

08/23 | Wissenschaft und Praxis
Daniel Cherix, Honorarprofessor der Universität Lausanne, (daniel.cherix@unil.ch), Lukas Seehausen, Entomologe beim CABI (Centre for Agriculture and Bioscience International), (l.seehausen@cabi.org) und Marianne Tschuy, apiservice/Bienengesundheitsdienst (BGD), (marianne.tschuy@apiservice.ch)

Die Asiatische Hornisse (Vespa velutina nigrithorax), ein invasiver Insektenräuber mit Vorliebe für Honigbienen, wurde 2004 erstmals in Frankreich entdeckt. Seitdem hat sie sich in Europa ausgebreitet. Im Jahr 2022 wurden in der Schweiz mehrere Nester entdeckt und mehrheitlich vernichtet.

Das Jahr 2021 verlief bezüglich der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina) ruhig, das heisst es wurden nur vier kleine Nester im Kanton Genf gefunden und zerstört sowie in zwei Kantonen (Genf und Jura) Sichtungen von Individuen bestätigt. Dies dürfte auf den eher kühlen und regnerischen Frühling 2021 zurückzuführen gewesen sein.

Ausbreitung in der Schweiz

Im letzten Jahr (2022) schienen die klimatischen Bedingungen für die Asiatische Hornisse dann sehr viel günstiger gewesen zu sein, denn die Verbreitung der Spezies in der Schweiz ist markant vorangeschritten. Vor allem der milde Winter dürfte dazu geführt haben, dass viele der überwinternden Jungköniginnen überlebt und im Frühjahr dann gute Witterungen vorgefunden haben, um Nester zu gründen. Auch die Trockenheit im Hochsommer konnte nicht verhindern, dass die Asiatische Hornisse hierzulande an insgesamt 24 Standorten in 8 Kantonen (AG, BL, FR, GE, JU, NE, SO, VD) nachgewiesen wurde. Zudem wurden drei Primärnester und acht Sekundärnester gefunden (Tab. 1). Der geografischen Verteilung der Sichtung von Individuen zufolge (Karten unten) gab es höchstwahrscheinlich noch mehr Nester in der Schweiz, die jedoch leider weder entdeckt noch entfernt werden konnten.

Auch dieses Jahr wurden seit Ende April schon zahlreiche Sichtungen gemeldet (Tab. 2). Bei den Fällen im April und Mai handelte es sich wahrscheinlich um Jungköniginnen, die nach Zuckerquellen suchten, um Energie für den Bau des Primärnests und die Eiablage zu finden.

Tabelle 1: Bestätigte Funde von Asiatischen Hornissen (Vespa velutina) in der Schweiz im Jahr 2022.
Tabelle 1: Bestätigte Funde von Asiatischen Hornissen (Vespa velutina) in der Schweiz im Jahr 2022.
Oben: Sichtungen der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina) in der Schweiz von 2017–2021 und unten: im Jahr 2022. Orange Punkte zeigen Sichtungen von Individuen und rote Punkte Nestfunde.
Oben: Sichtungen der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina) in der Schweiz von 2017–2021 und unten: im Jahr 2022. Orange Punkte zeigen Sichtungen von Individuen und rote Punkte Nestfunde.

Einsätze der nationalen Task Force Vespa velutina

Im Jahr 2022 wurde unter der Leitung des Bienengesundheitsdienstes (BGD) eine nationale Task Force zum Thema Asiatische Hornisse gebildet. Diese setzt sich aus Spezialisten zusammen, die Erfahrungen mit der Asiatischen Hornisse haben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ersteinsätze zur Nestsuche und Nestbeseitigung mit gleichzeitiger Schulung der kantonalen Verantwortlichen zu leiten, damit diese die entsprechenden Aufgaben in Zukunft mittels Radiotelemetrie selbstständig, fachgerecht und effizient ausführen können.

Die ersten Task Force-Einsätze fanden letztes Jahr in den Kantonen Genf, Waadt und Basel-Landschaft statt. Bei praktisch allen Einsätzen wurden die Nester mithilfe der Triangulation (Freilassen von eingefangenen Hornissen und Verfolgung ihrer Flugrichtung zum Nest) und Radiotelemetrie (Ausrüstung von Hornissen mit einem Sender, der es erlaubt, ihren Flug zum Nest zu verfolgen) gefunden. Ein Task Force-Einsatz wird hier am Beispiel von Münchenstein (BL) vorgestellt.

Am 1. August 2022 wurde dem BGD von einer Imkerin in Münchenstein (BL) ein verdächtiges Insekt gemeldet. Nach der positiven Identifizierung (erster Fall in der Region) hat sich der Kanton dazu entschieden, zuerst selbst eine gross angelegte Suchaktion durchzuführen, um das Nest zu finden. Am 16. August suchten rund 30 Imkerinnen und Imker ein grösseres Gebiet mit Wald und Waldrand ab, jedoch ohne Erfolg. Am 31. August fand der Task Force-Einsatz schliesslich gut organisiert statt. In Anwesenheit von einem Dutzend interessierter Helferinnen und Helfer wurde eine spontane Schulung in Sachen Triangulation und Radiotelemetrie durchgeführt. Nach nur kurzer Zeit führte eine besenderte Hornisse die Suchenden zu einem nahe gelegenen Hochstammkirschbaum, wo das Primärnest in einem Eulenkasten entdeckt wurde. Kurz darauf flog eine zweite mit Sender ausgerüstete Hornisse zum selben Kirschbaum, wo schliesslich auch das gut im Wipfel versteckte Sekundärnest gefunden wurde. In aller Frühe des 2. Septembers wurde das Nest von einer Schädlingsbekämpfungsfirma abgetötet und mithilfe einer Hebebühne heruntergenommen (Fotos oben). In dem relativ kleinen Sekundärnest (ca. 35 cm Durchmesser) wurden 3500 Zellen gezählt, von denen 2400 mit Eiern, Larven und Puppen besetzt waren. Zudem wurden rund 400 erwachsene Weibchen gezählt, aber keine Männchen gefunden. Die Königin konnte nicht eindeutig identifiziert werden.

Diese Such- und Bekämpfungsaktion zeigt die Zusammenarbeit zwischen den Imkerinnen und Imkern, den zuständigen kantonalen Behörden, der Task Force und der Schädlingsbekämpfungsfirma. Dank der tatkräftigen Mitarbeit aller konnte das Nest innerhalb eines Monats nach der ersten Hornissensichtung gefunden und vernichtet werden.

Wer entscheidet über das Vorgehen beim Auftreten der Asiatischen Hornisse?

Rechtlich obliegt der Entscheid über das Vorgehen beim jeweiligen Kanton. Solange die Revision des Umweltschutzgesetzes nicht erfolgt ist, übernimmt das Bundesamt für Umwelt (BAFU) keine koordinative Rolle. Als Entscheidungsgrundlage für die Kantone gibt es schon seit 2017 eine Handlungsempfehlung. Sie wurde von der damaligen Arbeitsgruppe Invasive Neobiota in Zusammenarbeit mit dem BGD und weiteren Partnern erarbeitet. Seit ihrer Veröffentlichung gibt es viele neue Erkenntnisse, die eine Überarbeitung der Empfehlung nötig machte. Die im Frühling 2023 revidierte Version richtet sich in erster Linie an die für invasive gebietsfremde Arten (Neobiota) zuständigen kantonalen Behörden. Die Empfehlungen zeigen den Verantwortlichen auf, wie sie dem Auftreten der Asiatischen Hornisse am besten begegnen. Sie stellen die derzeit erfolgreichsten bekannten Methoden für die Überwachung, die Suche nach Nestern und deren Bekämpfung vor.

Einführung des neuen Meldesystems

Seit dem 1. Juli 2023 gilt für die Verdachtsfälle der Asiatischen Hornisse ein internetbasiertes, vereinfachtes Meldevorgehen. Die Änderung wurde nötig, um den Bearbeitungsaufwand beim BGD zu reduzieren und den Informationsfluss zu optimieren. Ab sofort können Verdachtsfälle von Bienenhaltenden und der allgemeinen Bevölkerung direkt auf der Homepage www.asiatischehornisse.ch gemeldet werden. Um eine Sichtung zu erfassen, klickt man auf der interaktiven Karte den Fundort an. Im zweiten Schritt müssen das Datum und die Art der Sichtung (einzelne Hornisse, Nest oder jagende Hornisse beim Bienenstand) angegeben und ein Bild oder Videonachweis eingefügt werden. Die Personen-daten gibt man als Nächstes an und im letzten Schritt können Bemerkungen angeführt werden. Schliesslich wird die Meldung, wie im Schema auf der folgenden Seite zu sehen ist, den Spezialisten direkt zur Bestimmung des Insekts zugestellt. Der Absender der Meldung wird so schnell wie möglich über das Ergebnis informiert. Wird das Insekt als Asiatische Hornisse identifiziert, werden zusätzlich der BGD, das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und info fauna (für den Eintrag in eine permanente Karte) avisiert. Der BGD seinerseits informiert umgehend den Neobiota-Beauftragten des betroffenen Kantons und trägt den Fund in eine öffentliche Tabelle ein, die hier eingesehen werden kann:

Der Kanton ist verantwortlich für das Weitergeben der Information an seine Ansprechpartner und Spezialisten (kantonale Task Force), den Imkerkantonalverband und die betroffene Sektion sowie den kantonalen Bieneninspektor. Das neue Meldesystem soll es ermöglichen, präzise Informationen ohne Datenverlust so effizient wie möglich an die Verantwortlichen weiterzugeben, damit über das weitere Vorgehen schnell entschieden werden kann.

Der Beitrag der Imker/-innen

Imkerinnen und Imker haben sich in der Vergangenheit als wichtige Melder von Funden der invasiven Art erwiesen. Daher möchten wir Sie bitten, vor allem an sonnigen Tagen von August bis November Ihre Bienenstöcke und die Tränken einmal pro Woche zwischen 9 und 17 Uhr während mindestens 30 Minuten zu beobachten und auf das Vorkommen der Asiatischen Hornisse zu kontrollieren. Alle gesichteten Asiatischen Hornissen und deren Nester sollten umgehend auf www.asiatischehornisse.ch gemeldet werden. Bitte haben Sie Verständnis, dass ohne Foto/Video keine Identifikation und Fundbestätigung gemacht werden kann.

Beim Auftreten der Asiatischen Hornisse vor Bienenständen ist das Aufstellen von Fallen grundsätzlich kontraproduktiv. Für das Auffinden von Nestern sind lebende Hornissen notwendig, die für die Suche direkt vor den Bienenständen gefangen werden müssen. Falls Sie vor der Ankunft der Spezialisten aktiv werden wollen, können Sie versuchen, mittels Triangulation den Standort des Nests einzugrenzen.

Starke, gesunde Völker halten Attacken der Asiatischen Hornisse besser stand. Imkerinnen und Imker können ihre Bienen unterstützen, indem sie sogenannte «Volieren» bauen (siehe Merkblatt 2.7.1.) und diese bei starkem Beflug im Herbst vorne an den Beuten befestigen. Gittergeschützte Fluglöcher geben Völkern, die unter starkem Hornissendruck stehen, eine bessere Überlebenschance.

(www.bienen.ch/merkblatt)

Online Live-Veranstaltung zur Asiatischen Hornisse: 10.08.2023, 19 Uhr

(www.bienen.ch/bgd-anlaesse): Teilnahme ohne Anmeldung,einfach auf Teilnahmelink klicken.

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