Ein Recht zu existieren

02/26 | Natur und Wildbienen
Sarah Grossenbacher, Redaktion Schweizerische Bienen-Zeitung, (sarah.grossenbacher@bienenschweiz.ch)


Es ist ein weltweites Novum: In zwei peruanischen Provinzen im Amazonas gelten Stachellose Bienen neu als Rechtssubjekte.

Ende 2025 erhielten die Stachellosen Bienen (Melipona) im UNESCO-Biosphärenreservat Avireri VRAEM in Peru den Status von Rechtssubjekten. Ihnen wird damit das Recht zugesprochen, zu existieren und zu gedeihen, gesunde Populationen zu erhal­-ten sowie in einem intakten Lebensraum unter ökologisch stabilen klimatischen Bedingungen zu leben. Bei Bedrohung oder Schädigung können sie nun rechtlich vertreten werden.

Die Entscheidung gilt als weltweite Premiere für Insekten. In Peru gelten bereits der Fluss Marañón und der Titicacasee als Rechtssubjekte. Ein ähnliches Privileg geniessen beispielsweise Meeresschildkröten in Panama. Massgeblich dafür verantwortlich war die Biochemikerin Rosa Vásquez Espinoza, die sich zusammen mit den Asháninka, einem indigenen peruanischen Volk, Wissenschaftlern und dem Earth Law Center mit Forschung und Aufklärungsarbeit für die Stachellosen Bienen einsetzte.

Stachellose Bienen haben in zwei Regionen in Peru eigene Rechte erhalten. Foto: Luis García

Schwindender Lebensraum

Stachellose Bienen gelten als die ältesten Bienenarten der Welt. Bernsteinfunde belegen, dass sie bereits vor rund 80 Millionen Jahren – zur Zeit der Dinosaurier – lebten. Weltweit gibt es über 500 Arten der Gattung Melipona, knapp die Hälfte lebt im Amazonas, wo sie rund 80% der Pflanzen bestäuben, darunter auch Kulturpflanzen wie Kaffee, Kakao oder Avocados. Wissenschaftler bezeichnen sie als primäre Bestäuber im Amazonasgebiet, die entscheidend zur Biodiversität, zum Erhalt der Wälder und zur weltweiten Ernährungssicherheit beitragen.

Während die lokale Bevölkerung früher die Nester wildlebender Melipona innerhalb einer halben Stunde im Wald fand, dauert die Suche heute deutlich länger: «Man kann problemlos vier oder fünf Stunden unterwegs sein – und manchmal findet man an einem ganzen Tag nicht ein einziges Nest», erklärt Espinoza gegenüber dem Newsportal Inside Climate News.1

Für das Verschwinden der «Angelitos», der «Engelchen», wie die Stachellosen Bienen von den Einheimischen genannt werden, gibt es verschiedene Gründe: den Klimawandel, den Einsatz von Pestiziden und die fortschreitende Abholzung. Mehr als die Hälfte ihres Lebensraums im UNESCO-Biosphärenreservat ist inzwischen durch illegale Waldrodungen gefährdet, wie Espinoza und ihr Team in einer kürzlich publizierten Studie2 aufzeigen. Die Abholzung wird unter anderem von Drogenschmugglern vorangetrieben, die Waldflächen roden, um Platz für den Anbau von Kokapflanzen zur Kokainproduktion zu schaffen. Gegenüber Inside Climate News nennt Espinoza zudem die afrikanisierte Honigbiene als weitere Bedrohung für die Stachellosen Bienen, da sie diese mancherorts bei der Nahrungssuche verdrängt.

Indigenes Wissen als Grundlage

Für indigene Gemeinschaften wie die Asháninka sind Stachellose Bienen weit mehr als nur Bestäuber. Seit vorkolumbianischer Zeit werden sie gepflegt, ihr Honig wird als Nahrungs- und Heilmittel genutzt und das Wissen über sie über Generationen weitergegeben. Mit der neuen rechtlichen Grundlage wird dieses überlieferte Wissen nun auch auf institutioneller Ebene berücksichtigt und in den Schutz der Bienen eingebettet.

Präzedenzfall

Der britische Guardian3 bezeichnet die neuen Verordnungen als weltweite Präzedenzfälle und zitiert Constanza Prieto vom Earth Law Center: Sie schafften einen verbindlichen Auftrag, konkrete Schutzmassnahmen für das Überleben der Bienen umzusetzen. Dazu gehören die Wiederherstellung und Renaturierung von Lebensräumen, die strikte Regulierung von Pestiziden und Herbiziden, Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, die Förderung wissenschaftlicher Forschung sowie die Anwendung des Vorsorgeprinzips bei allen Entscheidungen, die ihr Überleben betreffen.

Die Auswirkungen der Verordnungen sind bereits weit über die zwei Provinzen hinaus spürbar. Eine Petition mit mehr als 300 000 Unterschriften fordert nun den Schutz der Stachellosen Bienen in ganz Peru. Ähnliche Initiativen sind gemäss dem Guardian auch in Bolivien, den Niederlanden und den USA geplant.

Literatur

1 Tomassoni, T. (25. Oktober 2025). Defending Stingless Bees in the Peruvian Amazon. https://insideclimatenews.org/news/22 102 025/peru-amazon-stingless-bees-rights/

2 Demetrio R, Muñoz-Schrader O, Faria J, Baselly-Villanueva JR, Cardenas D, Isuiza M, Delgado C, Ruzo A, Espinoza RV. Spatial distribution, tree host associations, and deforestation threats on two stingless bee species in the Peruvian Amazon. J Ecol Environ 2025;49:13. https://doi.org/10.5141/jee.25.021

3 Gayle, D. (29. Dezember 2025). Stingless bees from the Amazon granted legal rights in world first. https://www.theguardian.com/environment/2025/dec/29/stingless-bees-from-the-amazon-granted-legal-rights-in-world-first

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