Konkurrenz durch die Imkerei?

02/24 | Wissenschaft und Praxis
Robert Brodschneider & Kristina Gratzer, Institut für Biologie, Universität Graz, Österreich, (Robert.brodschneider@uni-graz.at)

In der Literatur ist von «zunehmenden Belegen» für negative Auswirkungen von Honigbienen auf Wildbienen die Rede. Basierend darauf, informieren Kristina Gratzer und Robert Brodschneider von der Universität Graz in einem Überblicksartikel, warum diese Aussage nicht so einfach zu treffen ist.

Die Bezeichnung «Bienensterben» ist leider oft zu unspezifisch. Während Wissenschaftler/-innen überhaupt zögern, diesen Begriff zu verwenden oder ihn zumindest genauer zu definieren, wird er in den Medien oft als Synonym für verschiedene Formen der Bienensterblichkeit verwendet. Einerseits beinhaltet dies den unter Imkerinnen und Imkern bekannten und seit einigen Jahren gut dokumentierten Völkerverlust der Honigbiene im Winter. Andererseits steht der Begriff auch für den Rückgang beziehungsweise das vollständige Verschwinden bestimmter Bienenarten. Besonders Letzteres ist nun auch in der Gesellschaft ein Thema. Viele Wildbienenarten sind von Artenschwund betroffen. Dabei spielen Faktoren wie der Verlust der Lebensräume, Nahrungsmangel, Pestizideinsatz und Klimawandel eine wesentliche Rolle. Seit einiger Zeit wird neben den bekannten Faktoren auch verstärkt diskutiert, ob und in welcher Weise die Imkerei einen negativen Einfluss auf Wildbienenbestände ausübt.

Die Gründe für Völkerverluste bei Honigbienen und der Rückgang von Wildbienenarten weisen nur teilweise Gemeinsamkeiten auf: So betreffen beispielsweise der Mangel an vielfältigem und ausreichendem Trachtangebot oder der Einsatz von Pestiziden in Pollen und Nektar alle Bienenarten. Jedoch gibt es auch Faktoren, die spezifisch für jede Gruppe sind: zum Beispiel die Varroamilbe für Honigbienen oder der Verlust von Nistplätzen für Wildbienen.

Häufige Beweise?

Einige wissenschaftliche Studien dokumentieren einen negativen Einfluss von Honigbienen auf Wildbienen. Doch kann man das pauschalisieren? Und hilft uns das konkret beim Wildbienenschutz in Österreich, der Schweiz und Deutschland? Und wieso gibt es eigentlich kaum Studien, die das Gegenteil, also keinen negativen Einfluss der Honigbiene zeigen? Eine umfassende Übersichtsarbeit, die 215 durchgeführte Studien zusammenfasst, spricht sogar von «häufigen Beweisen» für die negativen Auswirkungen von gehaltenen Honigbienen auf Wildbienen.1 Als Mechanismen werden Nahrungskonkurrenz, die Änderung der Zusammensetzung von Pflanzengemeinschaften in einem Lebensraum durch die Bestäubung von Honigbienen sowie die Übertragung von Krankheitserregern auf Wildbienen genannt. Müssen wir also auch die Rolle der Imkerei überdenken?

Ob man tatsächlich klare Aussagen darüber treffen kann, haben wir in einem Projekt untersucht, das von der «Biene Österreich», dem Dachverband der österreichischen Imkerverbände, gefördert wurde. Dafür haben wir die publizierte Datenlage geprüft und für eine fachlich qualifizierte, aber durchaus kritische Diskussion in der wissenschaftlichen Zeitschrift Entomologica Austriaca zusammengefasst.2 Dabei wurden die wenigen Studien aus dem deutschsprachigen Raum vollständig und ausführlich berücksichtigt.

Für Wildbienen sind neben den Nahrungsquellen auch die Nistgelegenheiten zentral. Über 70 % der einheimischen Wildbienen nisten im Boden – wie diese Seidenbienen (Colletes sp.) am Nesteingang auf dem Foto.

Zusammenhänge nicht immer eindeutig

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Ergebnisse aus den zahlreichen Publikationen nicht verallgemeinert werden sollten. Die Studien umfassen Länder, in denen Honigbienen heimisch sind, sowie jene, in die sie vom Menschen eingeführt wurden. Diese sollten unterschiedlich bewertet werden.

Der Grossteil der vorhandenen Literatur beschreibt keine kontrollierten Studien, sondern basiert auf sogenannten Beobachtungsstudien. Dabei wurde die Häufigkeit von Individuen unterschiedlicher Wildbienenarten in einem bestimmten Habitat erhoben. Diese sogenannten Abundanz-Erhebungen ermöglichen es, korrelative, also wechselseitige Zusammenhänge zwischen der Anzahl der Honigbienen und der Zahl der Wildbienen in einem Lebensraum herzustellen. Ein Beispiel: Wenn an einem Ort «viele Honigbienen» sind, findet man «wenig Wildbienen». Das heisst aber nicht zwingend, dass Honigbienen Wildbienen verdrängen. Der Befund kann richtig sein, es muss aber nicht zwangsläufig einen kausalen (ursächlichen) Zusammenhang zwischen diesen beiden Messgrössen geben. Auch ein für Wildbienen ungün­-stiger Standort, an dem aber Honigbienen gehalten werden, kann zu einem solchen Ergebnis führen. Eine hohe Honigbienenzahl kann in diesem Fall vor allem durch den Aufwand der Imker/-innen gegeben sein und hat nichts mit dem Fehlen von Wildbienen zu tun.

Solche korrelativen Studien sind laut Meinung vieler Wissenschaftler/-innen nicht geeignet, um kausale Auswirkungen einer Konkurrenz von Honigbienen auf Wild­bienen-­­populationen zu beweisen. Tatsächlich unterstreichen viele dieser Studien den starken Einfluss der Landschaft auf das Vorhandensein von Wildbienen.

Ausweichen auf andere Pflanzen?

Einige experimentelle Studien zeigen, dass eine erhöhte Honigbienendichte an einem Standort dazu führen kann, dass bestimmte Wildbienenarten von einer Pflanzenart zur nächsten ausweichen. Dies deutet auf Nahrungs­konkurrenz hin, ist jedoch nach wie vor kein klarer Beweis für eine Verdrängung von Wildbienen durch Honigbienen. Um dies zu beweisen, müssten negative Auswirkungen auf die Vermehrungsrate von Wildbienen nachgewiesen werden, was experimentell schwierig zu untersuchen ist und bisher nur von wenigen Studien bestätigt wurde. Eine kontrollierte Untersuchung im Freiland erfordert einige seltene Voraussetzungen und einen ausreichend langen Untersuchungszeitraum über mehrere Saisons, der leider oft nicht innerhalb der Projektlaufzeiten erreicht wird.

Forschungsergebnisse legen auch nahe, dass nicht jede Art der stark heterogenen Gruppe der Wildbienen in gleicher Weise von Nahrungskonkurrenz betroffen ist. Belege für einzelne Wildbienenarten lassen sich daher wiederum nicht auf andere Arten übertragen. Ebenso ist der Einfluss der Honigbiene je nach Art der vorhandenen Trachtpflanzen unterschiedlich zu bewerten.

Problematische Dynamiken in der Wissenschaft

Ein weiterer Grund für die von Iwasaki & Hogendoorn1 gefundenen «häufigen Beweise» für negative Auswirkungen von Honigbienen liegt in der Struktur des heutigen Wissenschaftsbetriebs: Überblicksartikel können nur publizierte Studien zusammenfassen. Studien mit statistisch signifikanten Ergebnissen haben eine höhere Chance auf Veröffentlichung als Studien mit negativen Ergebnissen («Publikations-Bias»). Folglich kann dies, solange Wissenschaftler/-innen nach der Zahl ihrer Publikationen bewertet werden, die Planung und Durchführung von Studien in Richtung einer bestimmten Versuchsanordnung beeinflussen. Um die Repräsentativität und Neutralität von Studienergebnissen zu verbessern, muss sich die Sichtweise auf «negative» Ergebnisse – also solche, welche die Anfangshypothese widerlegen – innerhalb des Wissenschaftsbetriebs ändern.

Bienenvölker in Naturschutzgebieten

Der Vollständigkeit halber möchten wir auch auf die kurz nach Veröffentlichung der Studie von der Universität Graz in der Zeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung erschienene Überblickstudie3 hinweisen, die 57 Studien auswertete. Obwohl die Studie weitgehend mit dem hier Diskutierten über­ein­stimmt, weist sie auch einen kleinen Widerspruch auf: Während Gratzer und Brodschneider2 darauf hinweisen, dass Konkurrenz in strukturreichen, naturnahen Gebieten kein Problem darstellt, fordern Arzt et al.3 einen Schutz und Managementpläne für die Aufstellung von Bienen-­völkern in Naturschutzgebieten. Sie berichten zudem davon, dass es keine Auswirkungen von Honigbienen auf Wildbienen in landwirtschaftlich geprägten Arealen gibt – vorausgesetzt genügend Nistplätze und Nahrungsquellen sind vorhanden. Beide Studien haben gemein, dass sie für eine generelle Verbesserung des Lebensraumes und Nahrungsangebotes für Bienen einstehen und die Zerstörung sowie die Zerstückelung von Lebensräumen kritisieren. Beide weisen darauf hin, dass Studien über eine Wildbienenart nicht verallgemeinert werden können beziehungsweise Nahrungs­ressourcen­über-lappung, Blütenbesuchszahlen sowie leichte Schwankungen von Populationsgrössen kein Problem darstellen. Weiter werden kontrollierte Experimente, die den Fortpflanzungserfolg in Konkurrenzstudien untersuchen, gefordert.

Naturnahe Lebensräume fördern

Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Bienenarten und die Herausforderungen, die der Schutz dieser wertvollen Bestäubergruppen mit sich bringt, sind komplex. Der Schwund der Wildbienen und die Bedeutung des Wildbienenschutzes sollten von uns allen und auch von Imkerinnen und Imkern ernst genommen werden. Zahlreiche anthropogene Einflüsse erschweren nicht nur Bestäubern, sondern auch anderen Insekten das Überleben. Dokumentierte negative Einflüsse von Honigbienen auf Wildbienen sollten in den Kontext der anderen bekannten Bedrohungen gesetzt werden. So zeigen zahlreiche (aber nicht alle) Studien, dass Konkurrenzeffekte vor allem dann und dort auftreten, wo durch vereinfachte Landschaften temporärer oder dauerhafter Nahrungsmangel vorherrscht.

Die Honigbiene, die vom Menschen in der Imkerei gehalten wird, ist wahrscheinlich höchstens ein geringer Faktor für den Wildbienenschwund. Die wohl stärkeren Faktoren sind auf die Gestaltung der Landschaft durch den Menschen und den Klimawandel zurückzuführen. Imker/-innen und Naturschützer/-innen können gemeinsam für eine lebenswerte Umwelt für Insekten eintreten, indem sie sich für naturnahe Lebensräume und die Förderung heimischer Blütenvielfalt einsetzen.

Der hier in Grundzügen vorgestellte Artikel ist in deutscher Sprache erschienen und frei verfügbar. Sie finden den Link zum Download der vollständigen Studie auf: www.Bienenstand.at.

Das mangelnde Angebot an Lebensräumen ist wohl der stärkste Faktor, der zum Rückgang der Wildbienen führt. Deshalb ist es zentral, dass naturnahe Lebensräume gefördert werden.
Das mangelnde Angebot an Lebensräumen ist wohl der stärkste Faktor, der zum Rückgang der Wildbienen führt. Deshalb ist es zentral, dass naturnahe Lebensräume gefördert werden.

Literatur

  1. Iwasaki, J. M.; Hogendoorn, K. (2022) Mounting evidence that managed and introduced bees have negative impacts on wild bees: an updated review. Current research in insect science, 100043.
  2. Gratzer, K.; Brodschneider, R. (2023) Die Konkurrenz von Honigbienen und Wildbienen im kritischen Kontext und Lektionen für den deutschsprachigen Raum. Entomologica Austriaca 30: 247–285.
  3. Arzt, N.; von Hessberg, A.; Shrestha, M.; Jentsch, A. (2023) Stehen bewirtschaftete Honigbienen und einheimische Wildbienen in Konkurrenz um Ressourcen? Eine globale Literatur-Recherche. Naturschutz und Landschaftsplanung 55(4): 26–32.

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