Mit Honig gegen die Armut – und für den Frieden

08/26 | Wissenschaft und Praxis
Patrick Rohr, Freier Fotojournalist, Zürich, Patrick Rohr, Freier Fotojournalist, Zürich, Fotos: Patrick Rohr / Helvetas 


Sri Lanka steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Auch haben fast 30 Jahre Bürgerkrieg tiefe Spuren im Land hinterlassen. Mit einer Honigkooperative, deren Aufbau von der Schweizer Organisation Helvetas unterstützt wurde, helfen Jugendliche der notleidenden Bevölkerung – und leisten damit erst noch einen Beitrag zur Friedensbildung.

«Schauen Sie einmal um sich. Was sehen Sie?», fragt mich Anuruddha Nayaka Bandara. Er ist Verwaltungschef von Mihintale, einer Stadt in Sri Lankas Nördlicher Zentralprovinz. Ich schaue durch die Scheibe, die Bandaras Büro vom Rest der Verwaltung trennt, und sehe Verwaltungsangestellte an ihren Tischen sitzen und arbeiten. Nur auf einem der Tische steht ein Computer. «Genau!», sagt Bandara. «Hier arbeiten 160 Menschen, und es gibt insgesamt acht Computer. Drei davon hat die örtliche Universität gespendet.» Mehr kann sich der Staat zurzeit nicht leisten, denn 2022 hat die Regierung Sri Lanka bankrott erklärt. Seither steckt das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise.

Mihintale in der Nördlichen Zentralprovinz, ohnehin eine der ärmeren Regionen, wurde durch die Krise besonders hart getroffen. Verwaltungschef Anuruddha Nayaka Bandara erzählt von Familien, die sich nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten können, weil sie nicht mehr als einen Dollar am Tag verdienen würden.

Er würde den Menschen gerne helfen, doch viel hat er nicht zu geben: «Normalerweise unterstützten wir Kleinunternehmerinnen und Familien mit Direktzahlungen, jetzt fehlt uns dafür das Geld.» Hilfe kommt dafür jetzt von Organisationen wie der UNO, die in der Region Essen an die Kinder der Ärmsten verteilt, oder, wie nach dem Start der Krise, von der Schweizer Entwicklungsorganisation Helvetas, die bedürftigen Familien Geld und Essensvorräte abgab.

Direkthilfe mit Bienenkästen

Später unterstützte Helvetas die Bäuerinnen und Bauern in der Region, indem die Organisation ihnen Bienenkästen zur Verfügung stellte und sie in Bienenzucht und Honigproduktion ausbildete. Einer der Bauern ist Malith Krishanta. Dank den Schulungen und durch die praktische Erfahrung hat er sich viel Wissen zur Bienenzucht und zur Honigproduktion angeeignet.

Von Helvetas bekam er zum Start zwei Kästen, inzwischen hat er sich sieben weitere angeschafft und ist gerade dabei, neue Völker zu züchten. So will er die Produktion weiter vergrössern. Im vergangenen Jahr konnte er mit seinen neun Bienenkästen insgesamt 14 Liter Honig produzieren, was ihm einen Zusatzverdienst von immerhin 150 Franken eingebracht hat. Das reicht noch nicht zum Leben, aber zusammen mit den Früchten, die er produziert, und einer kleinen Viehwirtschaft hält er seine Familie über Wasser.

Als Malith Krishanta ins Honiggeschäft einstieg, war seine grösste Herausforderung, den Honig abzusetzen. Einen Teil konnte er über den kleinen Laden, den er vor seinem Haus aufgestellt hat, verkaufen – doch in der dünn besiedelten Gegend im Hinterland von Mihintale kam er damit nicht weit.

Malith Krishanta vor einem seiner Bienenstöcke. Zwei Bienenkästen von Helvetas ermöglichten ihm den Aufbau einer eigenen Imkerei.
Malith Krishanta vor einem seiner Bienenstöcke. Zwei Bienenkästen von Helvetas ermöglichten ihm den Aufbau einer eigenen Imkerei.

Deshalb kam die Initiative einer Gruppe junger Menschen aus der Region für ihn wie gerufen. Die Jugendlichen haben sich zu einer Kooperative zusammengetan, um den vielen Honigproduzentinnen und -produzenten in der Region ihren Honig abzunehmen, ihn zu verarbeiten und zu verkaufen. «Ich bin sehr froh darum», erklärt mir Malith Krishanta, «denn als Kleinbauer habe ich nicht die Möglichkeit, mit meinem Honig in die Geschäfte in der Stadt zu kommen.»

Auf der staubigen Piste vor Malith Krishantas Haus hält ein Motorrad: Pasindu Lak-shan Rajapaksha kommt vorbei, um Maliths jüngste Honigproduktion abzuholen. Der 21-jährige Pasindu ist eines der Gründungsmitglieder der Honigkooperative und arbeitet neben seinem Studium für das soziale Unternehmen «King Bee», das aus der Kooperative hervorgegangen ist und das jungen Menschen eine Einkommensmöglichkeit gibt. Malith entschuldigt sich bei Pasindu: Viel Honig sei wegen der Trockenzeit nicht zusammengekommen. Aber insgesamt gibt es doch fast einen Liter, wofür Malith von «King Bee»-Mitarbeiter Pasindu 2500 Rupien, etwas über sieben Franken, erhält.

Malith übergibt Pasindu Lakshan Rajapaksha, Gründungsmitglied der Honigkooperative «King Bee», ein Stück Honigwabe.
Malith übergibt Pasindu Lakshan Rajapaksha, Gründungsmitglied der Honigkooperative «King Bee», ein Stück Honigwabe.

Gemeinsam vermarkten

Pasindu gibt den Honig in einen grossen Behälter, den er auf seinem Motorrad ins etwa 20 Kilometer entfernte Medawachchiya transportiert. Dort haben die von Helvetas unterstützte Kooperative und das Unternehmen «King Bee» ihren Sitz. In einem mit «Store & Bottling» angeschriebenen Raum wägen zwei mit Schürzen, Masken und Plastikhandschuhen ausgerüstete Jugendliche den frisch gelieferten Honig und füllen ihn in verschieden grosse Gläser ab. Draussen in der grossen Halle beklebt eine junge Frau die fertigen Gläser mit Etiketten.

In einem Nebenraum hält die Kooperative an diesem Nachmittag ihre monatliche Versammlung ab. Themen wie die Erschliessung neuer Absatzkanäle stehen auf der Traktandenliste. Der 23-jährige Hirantha Disanayaka, Präsident der Kooperative, verkündet stolz, dass es gelungen sei, den Honig neu in den Supermärkten der regionalen Lebensmittelkette zu verkaufen. Das ist nicht nur für die Kooperative, sondern vor allem auch für die Produzentinnen und Produzenten aus der Region ein grosser Schritt.

Mehr als nur ein Honiggeschäft

«Mit der Gründung der Kooperative versuchen wir zudem, noch einige andere Probleme zu lösen, die uns hier beschäftigen», sagt Varuni Poornima, eine 24-jährige Soziologin und Vorstandsmitglied der Kooperative. «Als wir in die Dörfer gingen, um Produzenten zu finden, die sich uns anschliessen wollen, hörten wir immer wieder von sozialen Missständen wie zum Beispiel Kinderhochzeiten. Die kommen oft daher, dass die Familien abgeschieden wohnen und nicht Teil einer Gemeinschaft sind. Durch unsere regelmässigen Besuche und Ausbildungsveranstaltungen sind sie jetzt im Austausch mit uns und anderen Gemeinschaften. So entsteht eine soziale Kontrolle, was einige der Probleme vermindert oder sogar löst.»

Varuni Poornima ist Soziologin und Vorstandsmitglied der Honigkooperative. Für sie trägt das Projekt dazu bei, soziale Missstände in den Dörfern zu verringern und den Zusammenhalt zu stärken.
Varuni Poornima ist Soziologin und Vorstandsmitglied der Honigkooperative. Für sie trägt das Projekt dazu bei, soziale Missstände in den Dörfern zu verringern und den Zusammenhalt zu stärken.

Unverarbeiteter Krieg

Kennengelernt haben sich die Jugendlichen, die mitten in der Wirtschaftskrise mit ihrer Honigkooperative den Ärmsten unter die Arme greifen, über ein anderes Projekt von Helvetas, das sich um das zweite grosse Problem des Landes kümmerte: die unverarbeitete Bürgerkriegsvergangenheit.

Nach dem Ende der Kolonialisierung durch die Briten im Jahr 1948 fühlte sich die Minderheit der Tamilinnen und Tamilen, die etwas über zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, während Jahrzehnten von der Mehrheit der Singhalesen systematisch unterdrückt und diskriminiert. Sie begannen, sich aufzulehnen – immer wieder kam es zu Anschlägen durch militante tamilische Gruppierungen.

Auf dem Höhepunkt der Aufstände forderte die «Tamilische Befreiungsorganisation» LTTE, auch bekannt als «Tamil Tigers», in den mehrheitlich von Tamilinnen und Tamilen bewohnten Gebieten im Norden und Nordosten des Landes einen eigenen Staat. Es kam zum Bürgerkrieg, der ab Anfang der 1980er-Jahre zur Flucht Hunderttausender Menschen führte und in fast dreissig Jahren gegen 150 000 Menschenleben forderte. Genau geklärt wurde die Zahl der Todesopfer nie, noch immer gelten Zehntausende Menschen als vermisst.

Hirantha Disanayaka, Präsident der Honigkooperative, ist überzeugt, dass die junge Generation einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung zwischen Singhalesen und Tamilen leisten kann.
Hirantha Disanayaka, Präsident der Honigkooperative, ist überzeugt, dass die junge Generation einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung zwischen Singhalesen und Tamilen leisten kann.

Überhaupt ist der Krieg, der 2009 blutig zu Ende ging, bis heute nie richtig aufgearbeitet worden. Die Probleme, die zum Krieg geführt haben, bestehen auch heute noch: Die tamilische Bevölkerung, in der Mehrheit Hindus, fühlt sich von den mehrheitlich buddhistischen Singhalesinnen und Singhalesen diskriminiert. Amtliche Dokumente zum Beispiel werden häufig nur in singhalesischer Sprache verfasst, die die tamilische Bevölkerung nicht lesen kann.

Weichen für eine friedliche Zukunft

«Es könnte jederzeit wieder zu Spannungen kommen», ist Hirantha Disanayaka, der Präsident der Honigkooperative, überzeugt. «Es ist an uns Jungen, etwas dagegen zu tun.» Deshalb nahm er 2022 an einem Jugendaustausch teil, der auf Initiative von Helvetas entstanden war. Jugendliche aus der Gegend von Mihintale, dem buddhistischen Zentrum Sri Lankas mit wichtigen religiösen Stätten, gingen nach Jaffna ganz im Norden der Insel, wo vorwiegend Tamilinnen und Tamilen leben. «Dieser Austausch hat mir die Augen geöffnet», sagt Ruvini Bhagya, 25-jähriges Mitglied der Honigkooperative, «ich realisierte, dass die Tamilen Menschen sind, die die gleichen Sorgen und Nöte haben wie wir. Das Bild, das ich von Klein auf vermittelt bekommen hatte, war ein anderes.» Hirantha Disanayaka nickt und sagt: «Spätestens, als ich bei meiner Gastfamilie miterlebte, wie sie um die im Krieg umgekommenen Söhne trauerte, merkte ich, dass sie mit den gleichen schmerzhaften Erinnerungen zu kämpfen haben wie wir. Davor wurde mir immer gesagt, dass das Propaganda sei.» Hirantha ist überzeugt, dass die Generation seiner Eltern diese tief verwurzelten Vorurteile nicht mehr so leicht überwinden wird und dass es deshalb die Aufgabe der jungen Menschen ist, die den Krieg nicht oder nur am Rande erlebt haben, die Weichen für eine friedliche Zukunft zu stellen.

An der monatlichen Versammlung verkündet Kooperationspräsident Hirantha Disanayaka den jüngsten Erfolg: Der Honig wird neu auch in den Supermärkten einer regionalen Lebensmittelkette verkauft.
An der monatlichen Versammlung verkündet Kooperationspräsident Hirantha Disanayaka den jüngsten Erfolg: Der Honig wird neu auch in den Supermärkten einer regionalen Lebensmittelkette verkauft.

Der Jugendaustausch ist ein Anfang, auch die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der armen Menschen soll dazu beitragen. Nur ein Problem bleibt, sagt Hirantha: «Wir haben in unserem Land keine gemeinsame Sprache. Jede Bevölkerungsgruppe spricht ihre eigene Sprache und versteht die andere nicht. Solange das so bleibt, werden wir uns nie völlig verstehen können.» Der Singhalese lernt deshalb jetzt Tamilisch, wie viele seiner Altersgenossinnen. Und engagiert sich im Honigprojekt, in dem sich Angehörige der verschiedenen Bevölkerungsgruppen einander näherkommen.

Dieser Artikel könnte
Ihnen auch noch gefallen

Wissenschaft und Praxis | 03/23
1 Minute
Imkerinnen und Imker können im Frühjahr mit gewissen Arbeiten ideale Bedingungen für einen…