Schwebfliegen – eifrige Blattlausjäger und Bestäuber

12/22 | Natur und Wildbienen
Eva Sprecher, Breitenbach (eva.sprecher@gmx.ch)



In der dritten Fotoserie über Schwebfliegen berichten wir über fünf häufige Arten, die wichtige Bestäuber zahlreicher Pflanzen und deren Larven emsige Blattlausvertilger sind. Am dunklen Hinterleib zeigen alle fünf Arten gelbe Streifenmuster und sehen sich auf den ersten Blick recht ähnlich. Die Ausdehnung und Form der gelben Flecken sowie die Farbe der Beine und des Kopfs lassen auf die Art schliessen.

Der deutsche Name Schwebfliegen weist auf die Fähigkeit dieser Fliegen hin, wie kleine Helikopter schwebend an einer Stelle in der Luft zu «stehen». Ihr kolibriartiger Schwirrflug ist auffällig. Das manchmal wespen- oder bienenähnliche Aussehen täuscht, denn in Wirklichkeit sind diese Insekten harmlos und können nicht stechen.

Bestäuberinsekten

Neben den Bienen spielen Schwebfliegen eine grosse Rolle bei der Bestäubung von Blüten. Sie sind zwar etwas weniger effizient als Bienen, aber robuster und nicht nestgebunden. Je höher in den Bergen und je weiter im Norden, desto wichtiger werden die Schwebfliegen als Bestäuber. Die meisten Schwebfliegenarten besuchen viele verschiedene Pflanzenarten, einige jedoch sind wählerisch und besuchen bevorzugt Pflanzen einer Gattung oder mit einer bestimmten Blütenfarbe oder -form.

Eine Studie in den Vereinigten Staaten zeigte, dass von mehr als 2400  Blütenbesuchen von Bestäubern auf städtischen und ländlichen Farmen etwa 35 % durch Fliegen erbracht wurden. Die meisten davon waren Schwebfliegen. Sie nehmen Nektar zu sich und sorgen für die Bestäubung, obwohl sie keinen Pollen für ihren Nachwuchs sammeln wie Bienen. Bei einigen Pflanzen, darunter Erbsen oder Grünkohl, waren Fliegen sogar die einzigen beobachteten Bestäuber. Insgesamt waren Bienen aber immer noch am häufigsten und machten etwa 61 % der Besuche aus. Der Rest entfiel auf andere Insekten.

Grosse Artenvielfalt

Mehr als 6000  Arten gibt es weltweit, in der Schweiz sind es etwa 450. Auf der Roten Liste in Deutschland sind 31 % der Arten bestandsgefährdet und 1 % sind ausgestorben oder verschollen. Zudem sind 5 % der Arten extrem selten. Etwa die Hälfte aller Schwebfliegenarten Deutschlands gilt derzeit als ungefährdet. Für die restlichen Arten sind zu wenig Daten für eine Einstufung bekannt. Lebensraumverluste und Veränderungen der Lebensraumqualität durch intensive Landnutzung sind die Hauptgefährdungsursachen für Schwebfliegen. Weil sie überall vorkommen, sind Schwebfliegen gute Zeiger für die Qualität von Lebensräumen. Das Fehlen von bestimmten Arten dort, wo man sie erwarten würde, ist ein Hinweis darauf, dass das lokale Ökosystem gestört ist.

Die fünf hier vorgestellten Schwebfliegenarten sind bei uns ungefährdet und häufig.

Frühe Grossstirnschwebfliege

Die Frühe Grossstirnschwebfliege (Scaeva selenitica) ist ein Blütenbesucher und fliegt von März bis September. Sie kommt in Laub- und Nadelwäldern, Wiesen und Gärten vor und zeigt ein ausgeprägtes Migrationsverhalten. Sie überwintert als ausgewachsenes Insekt. Die im Vorjahr befruchteten Weibchen erscheinen an sonnigen Wintertagen und im zeitigen Frühjahr. Nach der Eiablage und der Entwicklung fliegt die folgende Generation ab Mai.

Die Art ist in Europa verbreitet und kommt von Skandinavien bis zur Iberischen Halbinsel und zum Mittelmeer einschliesslich Nordafrika und auch in den europäischen Teilen Russlands bis Sibirien und den Kurilen vor.

Ihre Körperlänge beträgt 12–15,5 mm, der Hinterleib besitzt drei Paar gekrümmte gelbliche Flecken. Die Flecken auf den Rückenplatten 3 und 4 sind mit dem Innen- und Aussenende gleichweit vom Vorderrand entfernt. Männchen und Weibchen sind anhand der Augenbehaarung und des Winkels zwischen den Augen unterscheidbar. Die Larven ernähren sich von Blattläusen. Im dritten Larvenstadium sind sie grün oder braun mit einem weisslichen Mittelstreifen auf dem Rücken.

Die Frühe Grossstirnschwebfliege (Scaeva selenitica) zeigt am Hinterleib drei Paar gekrümmte gelbliche Flecken
Die Frühe Grossstirnschwebfliege zeigt am Hinterleib drei Paar gekrümmte gelbliche Flecken, wobei die Flecken auf den Rückenplatten 3 und 4 mit dem Innen- und Aussenende gleich weit vom Vorderrand entfernt sind (Foto: Friederike Rickenbach).

Späte Grossstirnschwebfliege

Die Späte Grossstirnschwebfliege (Scaeva pyrastri) fliegt wahrscheinlich in mehreren Generationen von März bis September. Auch sie zeigt ein ausgeprägtes Migrationsverhalten.

In Mittel- und Südeuropa überwintern nur die befruchteten Weibchen. Sie erscheinen an sonnigen Wintertagen und im zeitigen Frühjahr. Aus den von diesen Weibchen abgelegten Eiern entwickelt sich die nächste Generation mit den ersten Männchen des neuen Jahres. Die erwachsenen Tiere werden fast ausschliesslich von Juni bis September beobachtet. Die Art hat ein grosses Verbreitungsgebiet in ganz Europa, Nordafrika, Russland, Indien, China und Nordamerika. Sie bewohnt verschiedene offene Lebensräume und auch Wälder.

Ihre Körperlänge erreicht 10–15 mm, der Hinterleib weist drei Paar gekrümmte weisse Flecken auf, der Vorderrand der schrägen Flecken auf den Rückenplatten 3 und 4 ist nach innen gewölbt. Die Larven ernähren sich von Blattläusen. Die Art überwintert offenbar als Puppe.

Die Grosse Schwebfliege (Syrphus ribesii) besitzt am Hinterleib ein gelbes Fleckenpaar auf der Rückenplatte 2 und gelbe Querbänder auf den Rückenplatten 3 und 4. Die Beine sind beim Weibchen ganz gelb
Bei der Späten Grossstirnschwebfliege (Scaeva pyrastri) sind die Flecken am Hinterleib weisslich und der Vorderrand der Flecken auf den Rückenplatten 3 und 4 ist nach innen gewölbt (Foto: Friederike Rickenbach).

Grosse Schwebfliege

Die Grosse Schwebfliege (Syrphus ribesii) fliegt in mehreren Generationen von April bis November und kommt in Europa von Norden bis zum Mittelmeer vor, ebenso in den europäischen Teilen Russlands, Japan und Nordamerika. Ihr Lebensraum sind Laub- und Nadelwälder sowie verschiedene offene Landschaften. Die Art hält sich gerne bei Menschen und in Parkanlagen, Gärten, Obstplantagen und Feldern auf.

Ihr Körper erreicht eine Länge von 9–13 mm, der Hinterleib ist mit einem gelben Fleckenpaar auf der Rückenplatte 2 und gelben Querbändern auf den Rückenplatten 3 und 4 versehen. Das Gesicht ist gelb. Bei den Weibchen sind die Beine ganz gelb, bei den Männchen sind die Hinterschenkel mindestens zur Hälfte schwarz. Die Weibchen können von denen der ähnlichen Kleinen Schwebfliege (Syrphus vitripennis) anhand der Färbung der Hinterschenkel unterschieden werden. Diese sind bei ihr zu zwei Dritteln schwarz. Die Männchen sind oft nicht sicher unterscheidbar.

Die Männchen schweben in zwei bis fünf Meter Höhe und verteidigen ihr Territorium. Die Larven ernähren sich von verschiedenen Blattlausarten und fressen je nachdem 200 bis mehr als 750  Blattläuse. Die ausgewachsenen Larven überwintern in der Streuschicht.

wobei die Flecken auf den Rückenplatten 3 und 4 mit dem Innen- und Aussenende gleich weit vom Vorderrand entfernt sind.
Die Grosse Schwebfliege besitzt am Hinterleib ein gelbes Fleckenpaar auf der Rückenplatte 2 und gelbe Querbänder auf den Rückenplatten 3 und 4. Die Beine sind beim Weibchen ganz gelb, beim Männchen mindestens zur Hälfte schwarz (Foto: Friederike Rickenbach).
beim Männchen mindestens zur Hälfte schwarz (auf einer Flockenblume Centaurea …
Die Grosse Schweflige auf einer Herbstaster Symphyotrichum (Foto: Friederike Rickenbach).

Kleine Schwebfliege

Die Kleine Schwebfliege (Syrphus vitripennis) fliegt wahrscheinlich in mehreren Generationen von April bis Oktober. Wie die anderen Arten zeigt auch sie ein ausgeprägtes Wanderverhalten und kommt fast überall in der Paläarktis, einschliesslich Nordafrika, und auch in Nordamerika vor. Der Lebensraum ist derselbe wie bei der Grossen Schwebfliege. Wie ihr Name verrät, ist sie etwas kleiner und misst 7,5–11 mm. Am Hinterleib besitzt sie ein gelbes Fleckenpaar auf der Rückenplatte 2 und gelbe Querbänder auf den Rückenplatten 3 und 4. Das Gesicht ist ebenfalls gelb. Bei den Weibchen sind die Hinterschenkel zu zwei Dritteln, bei den Männchen bis zu drei Vierteln schwarz. Auch hier sind die Männchen nicht sicher von andern Arten unterscheidbar.

Die ausgewachsenen Tiere besuchen bevorzugt Blüten von Doldenblütlern (Apiaceae) und auch Acker-Glockenblumen (Campanula rapunculoides), Kratzdisteln (Cirsium), Weissdorn (Crataegus) und Brombeeren (Rubus sect. Rubus). Die Männchen schweben in zwei bis drei Metern Höhe neben Bäumen und Sträuchern und vertreiben andere Fliegen. Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier auf Bäumen, Sträuchern und krautigen Pflanzen, die von Blattläusen befallen sind, ab. Die gesamte Entwicklung vom Ei zum erwachsenen Insekt dauert etwa 20–40 Tage. Die Larven fressen bis 1100 Blattläuse und überwintern in der Streuschicht.

Bei der Späten Grossstirnschwebfliege (Scaeva pyrastri)
Die Kleine Schwebfliege zeigt ebenfalls auf der Rückenplatte 2 ein gelbes Fleckenpaar und gelbe Querbänder auf Rückenplatten 3 und 4. Sie ist an den Beinen zu erkennen: die Weibchen haben zu 2/3 schwarze Hinterschenkel, bei den Männchen sind diese zu 2/3 bis 3/4 schwarz (Foto: Friederike Rickenbach).
hier auf einer Säckelblume (Ceanothus)
Die Kleine Schweflige auf einer Zinnienblüte (Zinnia elegans) (Foto: Friederike Rickenbach).

Mondfleck-Feldschwebfliege

Die Mondfleck-Feldschwebfliege (Eupeodes luniger) kommt vorwiegend in offenem Gelände wie Gärten, Wiesen und Feldern vor. Den typischen Lebensraum bilden Heckenbiotope. Sie ist in Europa, Asien, Nordamerika und Nordafrika verbreitet. Die Fliegen ernähren sich von Pollen verschiedener Blütenpflanzen, darunter Herbst-Milchkraut (Leontodon autumnalis), Rainfarn (Tanacetum) oder Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium). Die Flugzeit ist von April bis Oktober mit einem Höhepunkt im Mai / Juni. Die Art gehört zu den letzten Schwebfliegenarten, die im Herbst noch beobachtet werden. Die Puppen oder auch die begatteten Weibchen überwintern. Bei Mangel an geeigneter Nahrung (Blattläuse) oder schlechtem Wetter können die Weibchen ihre Eier für mehrere Wochen zurückhalten. Die Larven sind bedeutende Blattlausvertilger, sie können allerdings bei Nahrungsmangel einige Zeit mithilfe pflanzlicher Kost überleben.

Die Fliegen haben eine Körperlänge von 8–12 mm. Der Hinterleib zeigt drei Paar rotgelbe, mondförmige Flecken, die Weibchen weisen einen Y-förmigen schwarzen Flecken auf der Stirn auf. Eupeodes-Arten sind nicht leicht auseinanderzuhalten, da die Fleckenbildung in Abhängigkeit von den Aussentemperaturen während der Puppenzeit variieren. Die fast vollständig klaren Flügel weisen eine charakteristische Flügeladerung auf. Die Facettenaugen berühren sich bei den Männchen, während diese bei den Weibchen auseinander stehen.

sind die Flecken am Hinterleib weisslich und der Vorderrand der Flecken auf den Rückenplatten 3 und 4 ist nach innen gewölbt.
Die Mondfleck-Feldschwebfliege ist am Hinterleib ebenfalls mit drei gelben Fleckenpaaren ausgestattet. Ein Artmerkmal ist, dass die gekrümmten Fleckenpaare auf den Segmenten 3 und 4 die Seitennaht nicht erreichen und in der Mitte eine schmale Verbindung besitzen können. Beim Weibchen ist die Stirn oben schwarz und mit einer y-förmigen Zeichnung auf gelblichem Grund (Foto: Friederike Rickenbach).
Fotos: Friederike Rickenbach
Die Mondfleck-Feldschwebfliege auf einer Blüte des Blaukissens Aubrieta (Foto: Friederike Rickenbach).

Quellen

https://www.rote-liste-zentrum.de/de/Schwebfliegen-Diptera-Syrphidae-1756.html#idx_e
https://www.insects.ch/kategorie/zweiflugler-diptera/schwebfliegen-syrphidae

https://www.naturspaziergang.de/Portrait-Seiten/Zweifluegler-Portrait-1.htm
https://www.syrphidae.com/checklist.php?country=CH
Forum Biodiversität Schweiz, Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) (2019) Insekten im Fokus der Forschung. Hotspot 40 (https://scnat.ch/de/uuid/i/f4a0164a-51b7-5fb1-b3d8-199026787716-Hotspot_4019_Insekten_im_Fokus_der_Forschung).
https://arthropodafotos.de/dbsp.php?lang=deu&sc=0&ta=t_38_dipt_bra_syr&sci=Scaeva&scisp=selenitica
https://arthropodafotos.de/dbsp.php?lang=deu&sc=1&ta=t_38_dipt_bra_syr&sci=Scaeva&scisp=pyrastri
https://arthropodafotos.de/dbsp.php?lang=deu&sc=1&ta=t_38_dipt_bra_syr&sci=Syrphus&scisp=ribesii
https://arthropodafotos.de/dbsp.php?lang=deu&sc=0&ta=t_38_dipt_bra_syr&sci=Syrphus&scisp=vitripennis
https://de.wikipedia.org/wiki/Mondfleckschwebfliege
https://www.natur-in-nrw.de/HTML/Tiere/Insekten/Schwebfliegen/TSW-210a.html
https://bienen-nachrichten.de/2021/schwebfliegen-mit-hohem-bestäuberpotenzial/996

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