Varroatose – nicht zu unterschätzende Gefahr für Bienenvölker

07/23 | Wissenschaft und Praxis
Matthieu Guichard, apiservice/Bienengesundheitsdienst, (matthieu.guichard@apiservice.ch)

Diese Krankheit mit ihren von Imkerinnen und Imkern oft verharmlosten Schäden ist für einen Grossteil der Völkerverluste verantwortlich. Durch eine regelmässige Überwachung der Bienenvölker und ein wirksames Varroakonzept kann sie verhindert werden.

Die Varroatose, eine Bienenkrankheit, deren Erreger die Varroamilbe (Varroa destructor) ist, gilt gemäss der Tierseuchenverordnung als eine zu überwachende Tierseuche (siehe Art. 5). Als solche ist der Bieneninspektor verpflichtet, die Varroatose-Fälle zu melden, die er bei seinen Kontrollen auf Bienenständen entdeckt. Seit dem 21. Januar 2022 wird die Varroatose offiziell wie folgt definiert: im Bienenvolk sind mindestens vier Bienen mit Stummelflügel vorhanden und/oder Kahlflug mit toter Brut, die stark von der Varroa parasitiert ist.

Das Hauptproblem der Varroatose ist, dass es in der Regel zu spät ist, Bienenvölker mit ausgeprägten Symptomen zu retten. Der beste Weg, die Krankheit zu vermeiden, ist eine Präventionsstrategie mit Hilfe eines wirksamen Varroakonzepts sowie der Beobachtung am Bienenstand.

Klinische Symptome

Schematisch lässt sich der Krankheitsverlauf anhand der beobachteten Symptome in drei Phasen beschreiben.

  • Phase 1: Varroamilben sind auf den Bienen sichtbar (auch wenn nur wenige), der Befall des Bienenvolkes ist hoch (mehr als zehn Varroamilben pro Tag): letzte Möglichkeit, das Bienenvolk durch eine Notbehandlung zu retten.
  • Phase 2: Unregelmässiges Brutnest, wenig Brut/Bienen, offene Zelldeckel, tote Brut/Bienen (Fotos folgende Seite). Das Bienenvolk muss abgeschwefelt werden. Es können Symptome auftreten, die der Europäischen Faulbrut ähneln: im Zweifelsfall den Bieneninspektor hinzuziehen.
  • Phase 3: Zusammenbruch des Bienenvolkes; kaum noch Bienen, tote und stark befallene Brut. Das Bienenvolk muss abgeschwefelt werden.

Die Bienen können verkürzte Abdomen (Entwicklungsproblem) und/oder deformierte Flügel aufweisen (in Verbindung mit dem von der Varroamilbe übertragenen Flügeldeformations-Virus DWV).

Am Ende des Winters zeigt ein an Varroatose gestorbenes Volk oftmals Waben, die noch mit Futtervorräten gefüllt sind, sehr wenige oder keine Bienen (manchmal ist die Königin sogar noch vorhanden) und tote Brut (Foto Seite 17 oben).

Missverständnisse zu Varroatose und Völkerverlusten

Bei der BGD-Hotline (0800 274 274, Montag bis Freitag von 8:00 bis 16:30 Uhr) gehen ab Herbst jeweils zahlreiche Anrufe ein, bei denen Imkerinnen oder Imker über unerklärliche Völkerverluste berichten. Es ist immer schwierig, die Ursache für den Tod eines Bienenvolkes mit Sicherheit festzustellen. Bei der Diagnose sollte man vorsichtig sein. Die Möglichkeit, die Ursache bei der Varroatose zu finden, wird hingegen manchmal zu schnell ausgeschlossen. Als Gründe werden zum Beispiel folgende genannt:

  • Eine Behandlung oder Notbehandlung wurde durchgeführt: Es ist zwar notwendig, die Bienenvölker gegen die Varroamilbe zu behandeln, aber noch wichtiger ist es, zum richtigen Zeitpunkt und wirksam zu behandeln. Das Hauptziel einer Behandlungsstrategie ist die Produktion von gesunden Winterbienen. Wird die Sommerbehandlung beispielsweise zu spät durchgeführt, besteht die Gefahr, dass die Winterbienen bereits produziert und durch den hohen Befall geschwächt wurden. Ihre Lebensdauer wird dadurch verkürzt. Eine Oxalsäurebehandlung im Oktober/November ist kein Ersatz für rechtzeitig durchgeführte Sommerbehandlungen. Der Beginn der ersten Behandlung sollte bereits in der ersten Julihälfte (ohne Ameisensäure) oder vor Ende Juli (mit Ameisensäure) erfolgen, die zweite Behandlung vor Mitte September starten. Die Behandlungen können keine von der Varroamilbe geschädigten Bienen heilen. Sie können lediglich dafür sorgen, dass die später aufgezogenen Bienen weniger befallen sind. Dazu müssen die Ammenbienen zu diesem Zeitpunkt gesund genug sein, um die Larven richtig füttern zu können. Die Behandlungen sollten für die bestmögliche Wirksamkeit ausschliesslich mit zugelassenen Tierarzneimitteln unter Beachtung der geltenden Empfehlungen erfolgen (Gebrauchsanweisung und Zusammenfassung der wichtigsten Punkte in den entsprechenden Merkblättern).
  • Eine Bienenvergiftung wird vermutet: Die Tatsache, dass man tote Bienenvölker findet, kann auf eine Vergiftung hindeuten. In diesem Fall ist der erste Schritt zur Klärung das Betrachten der toten Bienen: Tragen sie Varroamilben? Werden Varroamilben gefunden, wenn eine Bienenprobe ausgewaschen wird (Vorgehen gemäss Merkblatt 1.5.3.)? Sind Bienen mit deformierten Flügeln und/oder verkürztem Hinterleib zu sehen? Enthält die Beute keine Bienen mehr, aber noch Brut, stellen sich folgende Fragen: Finden sich Varroamilben in der verdeckelten Brut? Und schliesslich: Hatte das Bienenvolk bei den letzten Befallsmessungen einen höheren Befall als die anderen? Wenn eine oder mehrere dieser Fragen mit Ja beantwortet werden, ist die Varroatose der plausibelste Grund für den beobachteten Völkerverlust. Andernfalls ist der Verdacht auf eine Vergiftung dem BGD zu melden (https://bienen.ch/pflanzenschutzmittel).
  • Die Blüte von Gründüngungen wird für Völkerverluste verantwortlich gemacht: In verschiedenen Ländern, darunter der Schweiz, durchgeführte Studien zeigen keinen Zusammenhang zwischen im Herbst blühenden Gründüngungen (Senf, Phacelia und Mischungen) und Völkerverlusten. Das Empfinden der Imkerin/des Imkers kann von einem zeitlichen Zusammentreffen herrühren: Von der Varroatose betroffene Bienenvölker zeigen genau zur Zeit dieser Spättrachten Symptome, ohne dass die Spättracht die Völkerverluste verursacht hat.
  • Keine Varroamilben im Volk beobachtet, als es noch lebte: Die Schwierigkeit bei der Varroa ist, dass sie sich zu etwa 80 % in der Brut befindet, sodass nur ein sehr kleiner Teil der Milben auf den erwachsenen Bienen zu sehen ist. Darüber hinaus verstecken sich die Milben sehr oft unter den Bienen oder sogar zwischen den Sterniten (Bauchschuppen). Dort sind sie dann sehr schwer zu erkennen (untere Foto rechts). Als Faustregel gilt: Sobald Varroamilben auf den Bienen sichtbar sind (Spitze des Eisbergs), ist der tatsächliche Befall sehr hoch (Phase 1): Es ist dann dringend notwendig, zur Rettung des Bienenvolkes sofort Massnahmen zu ergreifen.
  • Keine Varroamilben im toten Bienenvolk: Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine Varroatose ausgeschlossen werden kann. Dies ist möglich, wenn kurz vor dem Tod des Volkes noch eine Behandlung durchgeführt wurde. Beispielsweise kann ein stark befallenes Volk nach einer Zusatzbehandlung im Herbst oder nach der Winterbehandlung sterben. In beiden Fällen hat die Behandlung die vorhandenen Varroamilben abgetötet, das Volk war aber zum Zeitpunkt der Behandlung wahrscheinlich bereits zu sehr geschwächt. Die Milben sind daher nicht mehr sichtbar, wenn der Tod des Bienenvolkes eintritt. Dennoch kann der Verlust des Volkes durchaus durch die Varroatose verursacht worden sein.
  • Das Bienenvolk war bis vor Kurzem noch am Leben: Der Verlust eines Bienenvolkes durch Varroatose kann abrupt stattfinden. Wenn eine Bienengeneration stark befallen ist und nicht mehr in der Lage ist, die nächste Generation aufzuziehen, kann das Bienenvolk innerhalb weniger Tage kollabieren (schneller Übergang zu den Phasen 2 und 3). Dies kann sich noch verstärken, wenn der Zusammenbruch des Volkes mit Räuberei verbunden ist. Manchmal, wenn man nur kurz aus der Ferne die Aktivität der Bienen am Flugloch beobachtet, kann Räuberei mit einer Sammeltätigkeit verwechselt werden. Das kann fälschlicherweise den Eindruck erwecken, dass alles in Ordnung ist, obwohl das Volk bereits tot ist. Daher ist es bei Standbesuchen unerlässlich, die Völker gründlicher zu kontrollieren.
  • Völker konnten früher mehr Varroamilben ertragen, bevor sie starben: Es stimmt, dass die Schadensschwelle vor dreissig Jahren einem höheren Befall entsprach. Dies ist auf die Entwicklung der von der Varroamilbe übertragenen Viren zurückzuführen (Virulenz und Wechselwirkungen mit anderen Stressfaktoren für die Bienenvölker), die zur Schwächung der Bienen beitragen. Daher ist es wichtig, die im BGD-Merkblatt 1.1. Varroakonzept empfohlenen Schwellenwerte als Entscheidungsgrundlage zu betrachten, ob eine Notbehandlung, eine zusätzliche Behandlung im Oktober/November oder eine zweite Winterbehandlung durchgeführt werden soll.

Die Idee, dass ein an der Varroatose gestorbenes Bienenvolk genetisch weniger gut gegen den Schädling gewappnet war und sein Tod daher für die gesamte Bienenpopulation von Vorteil wäre, kann zu einer Verharmlosung von Völkerverlusten durch Varroatose führen. Zwei Hauptargumente sprechen gegen diesen Ansatz: Erstens kann der Grad des Varroabefalls mit sehr vielen Umweltfaktoren zusammenhängen, insbesondere mit der Imkerpraxis. Insofern hat das Auftreten der Varroatose nicht unbedingt etwas mit dem genetischen Potenzial der Bienenvölker zu tun. Dies könnte insbesondere die geringen Fortschritte bei der Selektion auf dieses Merkmal erklären (geringe/keine Vererbbarkeit des Befalls der Bienenvölker, siehe die am Zentrum für Bienenforschung durchgeführten Arbeiten). Ein Bienenvolk, das an Varroatose stirbt, hat also nicht unbedingt eine höhere genetisch bedingte «Anfälligkeit» als ein Bienenvolk, das überlebt hat. Sein Verlust bringt in dem Fall der Population keinen Vorteil. Zweitens ist es in der heutigen Bienenzucht nicht unbedeutend, ein Volk an Varroatose sterben zu lassen. Es besteht die Gefahr, dass sich auf diese Weise virulentere (ansteckendere) Milben/Viren ausbreiten. Milben oder Viren, die in der Lage sind, ein ganzes Volk noch im Spätsommer oder Herbst zu töten, können sich durch Räuberei oder Kahlflug in umliegende Völker verbreiten. Dadurch entsteht für sie ein selektiver Vorteil gegenüber weniger virulenten Milben/Viren. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, Völker mit fortgeschrittenen Varroatose-Symptomen (Phasen 2 und 3) abzuschwefeln.

Vorbeugen gegen Varroatose

Durch die systematische Anwendung eines bewährten Varroabekämpfungskonzepts (siehe www.bienen.ch/varroa) lassen sich die durch die Varroamilbe verursachten Völkerverluste drastisch reduzieren.

Theoretisch sollte eine regelmässige Kontrolle der Bienenvölker ermöglichen, vor allem dank Auszählen des natürlichen Totenfalls Ende Mai (weniger als drei Milben pro Tag) und Ende Juni/Anfang Juli (weniger als zehn Milben pro Tag), die am stärksten befallenen Völker zu identifizieren, bevor die Phase 1 ausbricht. Bei Bedarf kann eine Notbehandlung durchgeführt oder die erste Sommerbehandlung vorgezogen werden. Auf diese Weise werden die Winterbienen anschliessend von einer Generation gesunder Bienen (qualitativ hochwertige Ammenbienen) aufgezogen. Die zweite Sommerbehandlung wird auch noch die durch Reinvasion ins Volk gelangten Varroamilben eliminieren. Die Vorbereitung der Bienen auf eine erfolgreiche Überwinterung beginnt also bereits mit der Sommerbehandlung (siehe den vorangehenden Beitrag).

Folgende Massnahmen sind ebenfalls wichtig: Schwache Völker abschwefeln, Jungvölker bilden und gegen die Varroamilbe behandeln, nicht mehr als zehn Völker pro Bienenstand halten, die Fluglöcher möglichst in verschiedene Richtungen ausrichten, einen trockenen/warmen Standort mit guten Trachtbedingungen wählen sowie kein Zuchtmaterial aus stark befallenen Völkern entnehmen.

Literatur

  1. Autorenkollektiv (2020) Das Schweizerische Bienenbuch 21. Überarbeitete Ausgabe Band 2 Biologie der Honigbiene, Kapitel 5: Krankheiten und Abwehrmechanismen, S. 120 – 123. Verlag BienenSchweiz.
  2. Charrière, J. D.; Dietemann, V.; Dainat, B. (2018) Leitfaden Bienengesundheit des Zentrums für Bienenforschung. Agroscope Transfer 245: 16–23.

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