Artgerecht und wesensgemäss – was ist der Unterschied?

10/2021 | Wissenschaft und Praxis
Johannes Wirz (johannes.wirz@gmail.com), Martin Dettli (martin.dettli@gmail.com)

Im Waldbienenprojekt des Reviers Dorneckberg können wir wildlebende Bienenvölker in Bäumen verfolgen und sie mit den Völkern in unseren Beuten vergleichen. Das regt an, um über diese Lebensform und die Beziehung des Menschen zum Bienenvolk nachzudenken.

Viele ImkerInnen erleben ein schwieriges Bienenjahr. Nach einem frühen, fulminanten Start in die Bienensaison folgten Wochen, ja Monate mit viel Regen, Kälte und wenig Nektar. Noch Ende Juni zeigten sich die Brutnester mit den charakteristischen Ringen von offener und verdeckelter Brut, wie wir sie im Frühjahr kennen. Und in vielen Fällen mussten besonders grosse Völker bereits ab Mai mit Futtergaben über Wasser gehalten werden.

Was machen wildlebende Bienenvölker in solchen Situationen, haben wir uns gefragt? Immerhin, von sechs Schwärmen, die im Waldbienenprojekt im Revierforst Dorneckberg einlogiert wurden oder selber die vorbereiteten Klotzbeuten fanden, fliegen bis jetzt noch alle. Hätten die Völker auch in unserer Obhut ohne Zufütterung überlebt? Was braucht ein Bienenvolk um zu überleben und was braucht es, um unsere Ansprüche von Ertragsbereitschaft zu erhalten? Das sind alles komplizierte Fragen.

Überleben dank Schwarmfreudigkeit

Wie Tom Seeley gezeigt hat, schwärmen 80 Prozent der Völker, wenn sie in Behausungen von 40 Litern – ihrem bevorzugten Volumen – einlogiert werden. Gleichzeitig überleben ca. 70 Prozent dieser Schwärme den ersten Winter nicht. Die Völker und der Brutnestumfang bleiben klein. Sie benötigen also weniger Futter und haben viel weniger Milben im Vergleich zu Völkern in unseren Beuten, die mit Aufsätzen schnell mal 120 Liter umfassen. Es ist in der Folge alles umgekehrt. Der Schwarmtrieb ist in unseren grossen Kästen viel geringer, er lag heuer beim Hobbyimker bei weniger als 10 Prozent. Die Volksstärke und das Brutnest sind beide gross und entsprechend höher sind auch Futterverbrauch und Milbenzahl. Würden wir Imker 80 Prozent der Jungvölker im ersten Winter verlieren, kämen wir in Erklärungsnotstand, wenn wir die Verluste unseren Bienenfreunden zu erklären versuchten.

Wir glauben, dass die wildlebenden Bienenvölker in

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