Imkerinnen und Imker sind von der Asiatischen Hornisse als Erste betroffen und sind entsprechend in Alarmstimmung. Doch wie steht es um andere Insekten und unsere Biodiversität? Müsste die laufende Invasion nicht auch andere Kreise ausserhalb der Imkerschaft beunruhigen?

Mit der Ankunft und Verbreitung der Asiatischen Hornisse in der Schweiz kommt ein weiterer ungebetener Gast zu uns und findet hier, ungestört von natürlichen Feinden, einen idealen Ort, um sich zu etablieren. Die Imkerschaft ist alarmiert, viele von uns beteiligen sich bei der Nestsuche und helfen dabei, die Invasion zu verlangsamen. Den Umgang mit der Vespa velutina müssen wir erst erlernen und Erfahrungen mit ihr sammeln. Unsere Bienen werden diese Invasion überdauern und wir werden Wege finden, mit der Vespa velutina eine Koexistenz zu etablieren. Eine andere Option gibt es nicht.
Doch wie sieht es mit allen anderen Insekten aus, die auf dem Speiseplan der Asiatischen Hornisse stehen? Viele dieser Arten sind uns weitgehend unbekannt und ihr Überlebenskampf gegen die neue Art findet im Stillen und oft ganz unbemerkt statt. Sie geniessen keine Obhut einer Lobby, wie dies unsere Honigbienen tun. Im Gespräch mit dem Insektenforscher Lukas Seehausen vom Forschungsinstitut CABI in Delémont möchten wir herausfinden, inwiefern auch andere Arten unter Druck stehen, ob wir als Bienenhaltende die einzigen sind, die aufmerksam werden sollten, und welche Anstrengungen zum Schutz der Biodiversität sinnvoll sind.

Fabian Trüb: Lukas Seehausen, Sie haben vorausschauend schon vor der Ankunft der Vespa velutina mit einer Bestandesaufnahme begonnen, um quantifizieren zu können, wie sich unsere Biodiversität während und nach der Ankunft des invasiven Räubers entwickeln wird. Sehen wir schon erste Resultate, oder ist es dafür noch zu früh?
Das ist richtig, seit 2017 machen wir eine Langzeitstudie im Delsberger Tal um den Einfluss der Asiatischen Hornisse auf die Populationen der einheimischen Europäischen Hornisse und auf einheimische Wespenarten zu untersuchen. Während sechs Jahren war die Asiatische Hornisse nicht im Untersuchungsgebiet aufzufinden, was uns sehr gute Daten über die Populationsschwankungen ohne den Einfluss der invasiven Art gegeben hat. Wir konnten feststellen, dass es von Jahr zu Jahr sehr grosse Schwankungen in den Populationsgrössen unserer einheimischen Arten gibt, was wahrscheinlich auf meteorologische Phänomene, z. B. warme Winter oder kühle und regnerische Frühlinge, zurückzuführen ist. In den letzten drei Jahren der Studie ist nun die Asiatische Hornisse präsent, und jetzt wird es spannend zu sehen, ob und wie die einheimischen Arten davon betroffen sind. Da es eine Langzeitstudie ist, ist es noch zu früh für konkrete Resultate, aber die nächsten Jahre werden sehr informativ sein.
Kann man denn überhaupt abschätzen, welche Arten wie stark unter Druck geraten werden? Wie findet man heraus, wie die Speisekarte der Asiatischen Hornisse aussieht? Sie können ja schlecht Hornissen bei ihren Raubzügen begleiten.
Da gibt es verschiedene Methoden. Eine Studie aus Frankreich hat z. B. die am Nest ankommende Hornissen abgefangen, ihnen die Beute abgenommen und dann die Beute identifiziert. Da die Hornisse zumeist nur Teile der Beute ins Nest bringt, wurde in den meisten Fällen eine DNA-Analyse gemacht, um die Art zu identifizieren. In anderen Studien wird beispielsweise der Mageninhalt der Hornissenlarven, deren Exkremente oder deren Kiefer mit DNA-Analysen untersucht, um festzustellen, welche Arten auf dem Speiseplan der Hornissen sind. Auch in der Schweiz machen wir gerade zusammen mit der Universität Neuenburg eine Untersuchung des Mageninhalts von Larven der Asiatischen Hornisse, um herauszufinden, welche Insekten im Frühjahr in der Schweiz gejagt werden.
Honigbienen scheinen einen grossen Teil der Nahrung der Asiatischen Hornissen auszumachen. Welche anderen Arten sind ebenfalls betroffen?
Es ist richtig, dass in allen Untersuchungen bisher Honigbienen als Beute gefunden wurden. Deren Anteil, relativ zu anderen Insekten, ist jedoch von mehreren Faktoren abhängig. So spielt beispielsweise die Jahreszeit und insbesondere die direkte Umgebung des Nests eine wichtige Rolle, denn die Daten zeigen, dass die Asiatische Hornisse eine echte Opportunistin ist, die nachweislich bis zu 1500 Insekten- und Spinnenarten frisst und vor allem die Arten bevorzugt, die zur gegebenen Zeit am reichlichsten in der Umgebung des Nests sind. Das können dann vor allem in städtischen Regionen Honigbienen sein, jedoch in Wäldern mindestens zu einem gleichgrossen Anteil auch Fliegen und Wespen. Auffällig ist, dass es oft viele Bestäuber sind.
Auf diese Bestäuber können wir keinesfalls verzichten. Da wissen wir um ihre Notwendigkeit zur Erhaltung der Versorgungssicherheit. Wespen allerdings sind lästig und in der Vergangenheit hat man sogar Fallen aufgestellt, um Wespen von Bienenständen fernzuhalten. Kann das nicht sogar eine Erleichterung darstellen?
Es kommt drauf an, aus welcher Perspektive man es sieht. Für den Menschen kann es natürlich angenehm sein, weniger Wespen um sich herum zu haben, da viele Menschen vor ihnen Angst haben. Werden diese jedoch durch einen grösseren Anteil von Asiatischen Hornissen ersetzt, hat man da wirklich keinen Vorteil. Ausserdem spielen Wespen auch eine wichtige Rolle in unserem Ökosystem. So agieren sie beispielsweise als natürliche Schädlingsbekämpfer, indem sie Schädlinge wie Blattläuse und Mücken fressen. Zudem sind sie exzellente Bestäuber und dienen auch anderen Tieren wie Vögeln als Nahrungsquelle.

Viele anderen Arten, die in den Mägen der Larven der Asiatischen Hornissen landen, sind unscheinbar klein und unbedeutend für die Biodiversität. Sehen Sie das anders?
Als Entomologe sehe ich das anders. Die Grösse eines Insekts gibt uns keinen Aufschluss über seine Nützlichkeit. Oft sind es winzige Schlupfwespen, die wir mit blossem Auge kaum sehen, die uns einen riesengrossen Dienst in der Schädlingsbekämpfung und somit unserer Nahrungssicherheit leisten. Zudem ist natürlich kein einziges Insekt unbedeutend für die Biodiversität. Denn jedes Insekt spielt eine Rolle im Ökosystem, auch wenn wir die Rolle als Menschen manchmal nicht verstehen oder gutheissen.
In den letzten Jahren sind viele Anstrengungen zum Schutz von Wildbienen und anderen Bestäubern unternommen worden. Auch ohne nur in die Nähe des Ziels einer Erholung der Populationen zu kommen, scheinen diese Anstrengungen sinnvoll und auch wirksam. Ist nun damit zu rechnen, dass das alles umsonst war?
Ich glaube, dass diese Anstrengungen sinnvoll sind, auch wenn wir die Ergebnisse nicht immer direkt sehen. Aber wir müssen verstehen, dass wir die Wildbienen nicht allein durch das Aufstellen von Insektenhotels retten, sondern viel weiter und grösser denken müssen. Ausserdem können wir ja durch die Anstrengungen viel dazulernen und Anpassungen machen. Wenn wir inaktiv bleiben, werden wir sicher nicht näher ans Ziel kommen.
Sehen Sie für die Biodiversität in Europa und insbesondere in der Schweiz eine zusätzliche Bedrohung durch die Invasion der Asiatischen Hornisse?
Ja, ich denke, dass die Asiatische Hornisse das Potenzial hat, unsere Biodiversität und deren Funktion zu schwächen. Sie ist bestimmt nicht allein ein Faktor, der unsere Biodiversität gefährdet, sondern einer von vielen Stressoren, die momentan unsere Insektenwelt und ganz generell unsere Ökosysteme gefährden. Zusammen mit dem Rückgang von Lebensräumen, dem Klimawandel, mit aufkommenden Krankheiten, dem Einfluss von Insektiziden und so weiter ist die Asiatische Hornisse ein zusätzlicher Gefährdungsfaktor, der vielleicht in Zukunft einfach einer zu viel sein könnte. Wir sollten diese Invasion daher ernst nehmen.
Irgendwie kommt da ein Gefühl der Ohnmacht auf. Macht die Politik denn genug, um dem Problem zu begegnen, oder ist das Bewusstsein um die Gefährdung noch nicht angekommen? Passiert das erst, wenn die Folgen im Portemonnaie spürbar werden?
Es ist ein generelles Problem bei invasiven Insekten, dass oft erst agiert wird, wenn das Problem schon da und spürbar ist. Das kann damit zusammenhängen, dass viele der invasiven Arten erst bekannt werden, wenn sie plötzlich Probleme schaffen, aber auch weil nicht genügend Präventivmassnahmen getroffen werden. Im Falle der Asiatischen Hornisse in der Schweiz ist zudem momentan die Gesetzgebung eine Hürde, da bisher die Kantone für die Bekämpfung zuständig sind, die jedoch z. T. nicht die Kapazitäten haben, das Problem sachgemäss anzugehen. Daher fällt leider oft viel Arbeit auf die Imkerschaft ab, die jedoch auch nicht unbedingt die Kapazitäten hat, das Problem zu stemmen. Es bleibt zu hoffen, dass es in Zukunft aus der Politik Anpassungen gibt, um auf solche Fälle besser vorbereitet zu sein.
Früher oder später werden noch mehr invasive Arten in der Schweiz ankommen und unsere Umwelt verändern. Macht es ganz grundsätzlich Sinn, sich dagegen zu wehren? Die Natur wird immer einen Weg finden, sich zu regulieren!
Leider findet die Natur nicht immer einen Weg, die Folgen von invasiven Arten zu regulieren. Ich denke, wir müssen vielleicht in Zukunft Prioritäten setzen und uns zudem mehr auf die Prävention konzentrieren.
Fallen aufzustellen, um Asiatische Hornissen einzufangen, ist keine gute Idee, da sind sich Wissenschaftler einig. Was kann jeder von uns im Kleinen tun, um gefährdeten Insekten zu helfen und die Biodiversität zu unterstützen?
Ich glaube, dass wir da grösser denken müssen. Wenn wir der Insektenwelt und Biodiversität helfen wollen, müssen wir nicht nur die Asiatische Hornisse bekämpfen, sondern auch an anderen Stellen versuchen, den Druck auf das Ökosystem zu senken. Dazu gehört ein gesundes Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit unseren Ressourcen, jedoch auch eine aktive Mithilfe, beispielsweise um Lebensräume zu schaffen und ein Miteinander mit unserer einheimischen Flora und Fauna zu ermöglichen. Nur so können wir es schaffen, eine gewisse Resilienz, also Widerstandskraft, unserer Natur aufzubauen. Wir sollten alle informiert und aktiv bleiben.
Die Anstrengungen der Imkerschaft mit Nestsuche und Schutz der Bienenvölker ist die Reaktion auf die Invasion. Nicht selten auch ausgelöst durch Verunsicherung und Furcht vor der neuen Bedrohung. Wie sehen Sie die Aktivitäten der Imkerschaft? Welches ist ihrer Meinung nach die wichtigste Investition, die Imkerinnen und Imker tätigen sollten?
Imker:innen sollten vor allem darauf achten, gesunde und starke Bienenvölker zu halten, was grundsätzlich durch Varroabehandlungen, gute Futterversorgung, und Senkung von allgemeinen Stressfaktoren getan werden kann. Dazu sollten Bienenvölker adäquat geschützt werden, z. B. durch gittergeschützte Fluglöcher und eine Höhenbegrenzung des Fluglochs im Spätherbst. Aber leider bleibt bisher die Nestsuche und -entfernung ein wichtiges Mittel bei hoher Aktivität der Hornissen, um lokal und zeitlich begrenzt den Bienen eine Erleichterung zu verschaffen. Das heisst aber nicht, dass alle Nester gefunden und entfernt werden müssen. Wir sollten uns auf den Schutz der Ressourcen wie beispielsweise Bienenvölker konzentrieren, denn sonst kommen wir mit der Bekämpfung nicht mehr nach.
Teilen Sie die Meinung, dass die Asiatische Hornisse nicht in erster Linie ein Problem für die Imkerschaft ist, sondern vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können?
Ja, das muss man durchaus nuanciert sehen. Natürlich sind Imker:innen schwer von der Asiatischen Hornisse betroffen, was wirklich ernst genommen werden sollte. Jedoch sehe ich, dass das Problem noch viel vielfältiger ist und auch andere Bereiche betrifft. Wichtige Beispiele sind da sicherlich der Schutz der Bevölkerung vor Stichen und ganz allgemein der Druck auf das Ökosystem. Daher ist die Asiatische Hornisse definitiv eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die wir alle zusammen angehen sollten.
So bleiben wir für die Zukunft vorsichtig optimistisch und halten an unseren Anstrengungen fest. Durch Verbreitung von Wissen und Informationen können wir sensibilisieren und so das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Problematik schärfen. Auch auf politischer Ebene müssen Anstrengungen unternommen werden, die aktuelle Situation zu verbessern, damit koordinierter und zielgerichteter vorgegangen werden kann. Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten durch den Respekt vor der Natur sowie der Schaffung und den Erhalt von Strukturen, die die Biodiversität fördern. Kapitulation ist kein guter Weg. In diesem Sinne möchte ich mich recht herzlich für dieses Gespräch bedanken.