«Die Bienen passen in unser Familiengefüge»

02/26 | BienenSchweiz
Robert Bossart, Freier Journalist, Altwis


Nach 16 Jahren im Zentralvorstand von BienenSchweiz tritt die Biologin Eva Sprecher zurück. Die 72-Jährige ist phasenweise fast «angewachsen am Schreibtisch», nun will sie wieder mehr in der Natur und mit ihren Bienen sein.
Robert Bossart, Freier Journalist, Altwis

Ich solle die Jacke anziehen, es sei ein Stück Weg bis zum Bienenhaus zuhinterst im Garten, sagt mir Eva Sprecher, als wir uns in ihrem Haus für die Besichtigung bereit machen. Tatsächlich erstreckt sich das langgezogene Grundstück über eine Hektare – ein riesiger Naturgarten mit mehreren Teichen, Hühnerstall, Gemüsegarten und Obstbäumen. «Das war vorher eine Fettwiese voller Gülle, heute ist es ein Naturparadies», sagt Eva Sprecher stolz. Vor rund 40 Jahren, als sie und ihr Mann ein Haus suchten, hätten sie beinahe ein Anwesen mit einem Bienenwagen erworben. Das Haus kauften sie nicht, die Idee mit den Bienen ist geblieben. «Als wir dann hierhergezogen sind, kaufte ich ein paar Bienen­völker und besuchte den Grundkurs», erzählt Eva Sprecher.

Eva Sprecher vor ihrem Bienenhaus. Foto: Robert Bossart
Eva Sprecher vor ihrem Bienenhaus. Foto: Robert Bossart

Heute passt das kleine Bienenhaus perfekt in dieses Biotop, das sich Eva Sprecher und ihr Mann im Laufe der Jahre erschaffen haben. Ihr Traum war es immer gewesen, möglichst autonom zu leben. Das Haus ist ganz aus Holz gebaut, gekocht wird im Winter mit Holz, Erdwärme und Solarpanels liefern die nötige Wärme und Energie. Was der Garten an Essbarem hergibt, reicht fast zur Selbstversorgung. «Sogar, als die vier Kinder noch klein waren, ernährten wir uns weitgehend von unserem eigenen Gemüse.» Gleichzeitig bietet der Garten viele wertvolle Lebens­räume für Insekten und andere Tiere, vor allem auch für die Bienen. «Die Bienen passen bestens in unser Gefüge.»

Die perfekte Lektorin

Auch beruflich hatte Eva Sprecher mit der Natur zu tun. Die Biologin arbeitete am Naturhistorischen Museum in Basel und war auf Insekten spezialisiert. Als sie an einer Museumsnacht über das Thema Überwinterungsstrategie der Bienen einen Vortrag hielt, kam der damalige Redaktor der BienenZeitung auf sie zu und fragte sie, ob sie für das Verbands-Organ schreiben wollte. Sie wollte. 2010 wurde sie in den Zentralvorstand aufgenommen. «Kaum war ich da, ging es darum, eine Neuauflage des Schweizerischen Bienenbuchs zu verfassen», erinnert sie sich. Zum Glück sei das im Winter gewesen. «Ich bin fast angewachsen am Schreibtisch, weil es so viel zu tun gab.» Als Projektleiterin verantwortete sie die Überarbeitung der fünf Bände und hatte alle Hände voll zu tun – der Austausch mit den Autoren, mit der Druckerei und so weiter. Für die Neuauflage 2020 übernahm sie abermals die Projektleitung. 2011 arbeitete sie auch im Projektteam des Buchs zum 150. Jubiläum des Verbandes mit.

Eva Sprecher, die so gerne mit ihrem Mann Zeit im Garten verbringt und mit der Natur im Einklang lebt, musste – oder durfte – viel «Büroarbeit» erledigen. Wobei sie betont, dass sie das stets sehr spannend fand. Sie war unter anderem in einem Projektteam zuständig für die Ausstellung «Bienenerlebnis» im Schweizerischen Agrarmuseum Burgrain im luzernischen Alberswil. Nebstdem gestaltete sie auch die Bienenausstellung im Ballenberg neu, machte in Burgrain kleine Wechselausstellungen und beteiligte sich wesentlich an der Neugestaltung der Ausstellung im Schau- und Lehrbienenstand. Auch in der Geschäftsstelle gab es einiges zu erledigen. «Es gelangen immer wieder bienenspezifische Fragen an uns, die ich als Insektenkundlerin beantworten musste.»

Voller Einsatz für die BienenZeitung

Seit 2016 arbeitet Eva Sprecher im Redak­tionsteam der monatlich erscheinenden BienenZeitung mit und ist vor allem als Lektorin tätig, seit 2006 verfasst sie zudem jährlich mehrere Artikel. «Das gibt einiges zu tun», räumt sie ein. Manchmal komme es vor, dass sie nach einem Abendessen während den Ferien in einem Hotelzimmer in Italien am Laptop noch Aufträge fürs Magazin erledigen müsse. Sie sitzt in ihrem heimeligen Holzhaus am Tisch, hinter ihr der Blick auf den grossen Naturgarten, und lacht. «Mit ü-70 darf ich es jetzt auch mal etwas ruhiger nehmen.» Allerdings hat sich seit ihrer Pensionierung ihre freie Zeit rasch gefüllt. Ihr Mann und sie haben sechs Grosskinder, die regelmässig zu Besuch kommen, zudem betätigt sich Eva Sprecher als ehrenamtliche Mitarbeiterin am Museum in Basel. Und immer wieder ist sie als Lektorin im Einsatz. So etwa, als ihre Wandergruppe ein Buch herausgegeben hat, oder bei zwei Bekannten, die beide ein Buch über ihren Insektengarten geschrieben haben.

Bienen-Boom löst keine Probleme

Wie hat sie die Entwicklung rund um die Bienenhaltung in der Schweiz erlebt? Der Film «More than Honey» von Markus Imhof aus dem Jahre 2012 über das weltweite Bienensterben habe einen Boom ausgelöst, erinnert sie sich. «Viele meinten, man müsse den Bienen helfen und haben Bienenvölker in den Garten gestellt», sagt Eva Sprecher. «Das war oft keine gute Idee, da die Leute keine Ausbildung in der Haltung von Bienen hatten und das Problem damit nicht gelöst wurde. Das Bienensterben hatte vielmehr mit Insektiziden und dem Fehlen von Trachtpflanzen zu tun.» Auch die vielen Wildbienenhotels haben aus ihrer Sicht wenig gegen das Artensterben beigetragen. «Drei Viertel der Wildbienen nisten im Boden. Besser ist es, im Garten Nischen zur Verfügung zu stellen, etwa sandige Plätze und passende Pflanzen.»

Obwohl die Imkerei in den letzten Jahren gerade in urbanen Kreisen beliebt geworden ist, habe die Anzahl der Imkerinnen und Imker in der Schweiz nicht zugenommen, so die Biologin. «Die Community ist aber sehr konstant, die Grundkurse sind gut besucht. Das ist erfreulich.» Positiv sei auch, dass es seit ein paar Jahren die Imkerausbildung mit eidgenössischem Fachausweis gebe. Über 13 000 Abonnenten zählt die BienenZeitung – warum dieses grosse Interesse? «Bienen faszinieren», sagt Eva Sprecher. Sie freut sich, dass heute die Bienenthematik in breiten Gesellschaftskreisen wahrgenommen wird. Dazu verholfen hat auch, dass sich eine Gruppe Parlamentarier im Bundeshaus für Bienen engagiert. «Die Biene ist wie eine Flaggschiffart für Umweltthemen. Für irgendeinen winzigen Käfer würde sich kaum jemand interessieren, aber die Biene weckt in der Bevölkerung Sympathien. Einerseits wegen dem Honig, andererseits ist klar geworden, dass vom Schutz der Bienen das ganze Ökosystem profitiert.»

Apropos Ökosystem: Ihr Mann klopft an die Verandatür, Zeit für Eva Sprecher, die Gummistiefel anzuziehen und in den Garten zu gehen – in ihr kleines, privates «Ökosystem». Die Arbeit mit den Bienen mag sie besonders. «Wenn ich im Frühling das erste Mal das Summen höre, im Sommer den emsigen Betrieb sehe und den frischen Honig rieche, gibt mir das sehr viel. Es macht mich glücklich.»

Der Garten von Eva Sprecher reicht fast für die Selbstversorgung und bietet Insekten zahlreiche Lebensräume.
«Das war vorher eine Fettwiese voller Gülle, heute ist es ein Naturparadies», so Eva Sprecher. (Fotos: Eva Sprecher)

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