Ihr Zuhause überrascht, denn sie nistet ausgerechnet dort, wo andere nur abgestorbenes Holz sehen. Sie nimmt uns mit zu ihrem Lieblingsplatz und der Dreh- und Angelscheibe ihres Lebens: dem Totholz.
Zum zweiten Mal hat BienenSchweiz gemeinsam mit der Öffentlichkeit die Biene des Jahres gesucht. Mit Abstand am meisten Stimmen hat die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) erhalten. In der Schweiz kommen drei Holzbienenarten vor: Nebst X. violacea, der häufigsten Art, auch X. valga und die kleinere X. iris mit einem blau schimmernden Hinterteil. Die zwei erstgenannten Arten sehen sich von blossem Auge sehr ähnlich, da sie komplett schwarz sind und schimmernde Flügel haben. Nur bei Männchen verraten Farbtupfer an den Fühlern, zu welcher Art sie gehören: Bei X. violacea sind zwei Fühlerglieder gelb, während sie bei X. valga alle komplett schwarz sind.
Wer die Ohren spitzt, kann die grösste einheimische Wildbiene leicht entdecken: Mit ihrem kräftigen Mundwerkzeug nagt ein Weibchen fingerdicke, bis zu 30 cm lange Gänge ins Holz. Vor dem Nesteingang häufen sich die feinen Späne, wie vor einer kleinen Sägerei. Früher glaubte man sogar, dass sich diese Biene von Holz ernährt, das wurde aber inzwischen widerlegt. Ihren deutschen Namen erhielt sie vielmehr von ihrer besonderen «holzigen Nistweise».
Als polylektische Biene sammelt sie Pollen an verschiedenen Blütenpflanzen. Besonders beliebt sind Schmetterlingsblütler, Korbblütler und Lippenblütler. Oft kann man sie an Platterbsen, Staudenwicken, aber auch an aromatischen Kräutern wie am Muskatellersalbei, Rosmarin oder Dost beobachten.

Eine der ersten im Jahr
Nebst Hummelköniginnen ist die Blauschwarze Holzbiene als eine der ersten Wildbienen aktiv und verlässt bereits an sonnigen Wintertagen kurz ihr Quartier, um Nektar zu tanken.
Anders als viele Wildbienenarten überwintern sowohl Männchen als auch Weibchen bereits ausgewachsen in Holzhöhlen oder Mauerspalten. Schon früh im Jahr suchen die Männchen ungeduldig nach Weibchen und versuchen, diese aus ihren Winterquartieren zu locken. Bei einer anderen, tropischen Holzbienenart (Xylocopa flavorufa) haben Forscher:innen der Uni Bonn feinste Haarschlaufen an den Hinterbeinen der Biene entdeckt, die sich mit den Haaren der Partnerin verhaken. Wie ein winziger Klettverschluss verhindert diese ausgeklügelte «Anschnallvorrichtung», dass das Männchen bei der Paarung im Flug abgeworfen wird.1
Nach der Paarung sucht sich das Weibchen geeignetes Holz und beginnt allein mit dem Nestbau. Unermüdlich nagt es lange Gänge ins Holz. Laut dem Wildbienenforscher Paul Westrich soll es in zwei Stunden ungefähr einen Zentimeter schaffen – ganz schön beeindruckend! In diesen Gängen entstehen mit der Zeit mehrere «Kinderzimmer». Mit den feinen Holzspänen, die es mit Sekreten vermischt, verschliesst es sorgfältig jedes Zimmer, in welches es neben dem gesammelten Pollenvorrat behutsam je ein Ei gelegt hat. Danach bewacht es aufmerksam den Eingang und verteidigt sein Nest gegenüber Eindringlingen, auch vor anderen Holzbienen-Weibchen, die das Nest übernehmen wollen. Wagt sich ein anderes Weibchen zu nah ans Nest heran, erzeugt die Biene ein tiefes, warnendes Brummen. Aber keine Sorge, gegenüber Menschen ist die sanfte Riesin sehr friedlich. Sie hat zwar einen Stachel, setzt ihn aber nur als absolute Notwehr ein.

Auf der Suche nach dem richtigen Holz
Nicht nur die Menge an Totholz ist entscheidend, auch die Dicke, das Abbaustadium und die Lage spielen eine Rolle. Die Holzbiene wählt nur besonntes Holz, das bereits trocken ist und etwas zu verwittern begonnen hat. Das findet sie oft in abgestorbenen Laubbäumen, wie Obstbäumen oder Pappeln und Weiden. Seit den 1990er-Jahren hat sie sich durch die Klimaerwärmung deutlich ausgebreitet. Heute sieht man sie ausser in strukturreichen Streuobstwiesen und an lichten Waldrändern vermehrt im Siedlungsraum, vor allem in naturnahen Gärten. Umso schöner, dass immer mehr Menschen im eigenen Garten oder auf dem Balkon kleine «Holzinseln» für sie und andere Bienen schaffen. So kann man beispielsweise längere Baumstrünke und Holzpfähle stehen lassen oder dickes, bereits etwas verwittertes Laubholz an einem sonnigen Plätzchen aufschichten. Wichtig ist, auf Insektizide zu verzichten – sonst wird auch der Garten schnell zu einer tödlichen Falle.
Totholz als Lebensort für rund 5000 Arten
Totholz ist nicht nur für die Blauschwarze Holzbiene von grosser Bedeutung. Im Kreislauf des Waldes ist totes Holz ein wichtiger Lebensraum und Teil der natürlichen Nährstoffkreisläufe. Dort bildet es die Lebensgrundlage für rund 5000 Insektenarten, darunter auch für stark bedrohte.2 Es hilft, das Mikroklima zu regulieren und bietet Unterschlupf und Feuchtigkeit für Schnecken, Amphibien und Moose. Vögel wie der Specht oder der Zaunkönig finden in Baumhöhlen oder dichtem Unterholz ihr Zuhause. In verlassenen Baumhöhlen baut so manch eine Hummelkönigin ihr Nest. Auch im Garten können Asthaufen wertvolle Überwinterungs- und Rückzugsorte sein, etwa für Igel oder Amphibien. Wichtig bei einem selbst gebauten Asthaufen ist, dass man einen stabilen Hohlraum (ca. 30 cm) mit dickeren Ästen kreiert, um die Bewohner vor Einsturzgefahr zu schützen.


Auch alte Käferfrassgänge im Holz bieten Wildbienenarten, die im Gegensatz zu Holzbienen nicht selbst ihre Gänge graben, wertvolle Nistmöglichkeiten. So zum Beispiel die Glockenblumen-Scherenbiene, die bei der diesjährigen Wahl der «Biene des Jahres» als Zweitplatzierte viele Herzen eroberte.
Es braucht Holz in verschiedenen Zersetzungsstadien
Oft sieht man Pilze, die auf abgestorbenen Bäumen wachsen und Lignin oder Zellulose abbauen, was zum natürlichen Zersetzungsprozess gehört. Holz besteht grösstenteils aus Zellulose, Hemizellulose und Lignin. Je nachdem, was zuerst abgebaut wird, hat das Totholz eine ganz andere Beschaffenheit und ist attraktiver für andere Lebewesen. Werden vor allem Zellulose und Hemizellulose abgebaut, schrumpft es und wird sehr rissig, was man oft bei Nadelbäumen beobachtet. Zurück bleibt nur das braune Lignin, dessen Farbe diesem Zersetzungsstadium den Namen «Braunfäule» verlieh. Nach Jahren zerfällt es schliesslich ganz und führt dem Boden so wieder wichtige Nährstoffe zu.

Andere Pilze bauen anfangs Hemizellulose und besonders Lignin ab. Ohne Lignin, das die Pflanzenzellen stabilisiert, bleibt vor allem Zellulose übrig: Das Holz ist heller, weicher und faseriger, fast wie ein Schwamm.3 Aufgrund der helleren Farbe spricht man in diesem Stadium auch von «weissfaulem» Holz. Für die Wald-Pelzbiene ist genau solches Holz wichtig. Als Test kann man z. B. mit dem Fingernagel oder einem Schlüssel ins Holz drücken: Lässt es sich einfach wegschaben, können sich die Wald-Pelzbiene und verschiedene Grabwespen gut durchgraben. Es lohnt sich also, Holz in verschiedenen Stadien bereitzustellen.

Kleine «Holzoasen» im Garten oder auf dem Balkon können kleine und grosse Bestäuber und andere Lebewesen unterstützen. Wie die Biene des Jahres eindrücklich zeigt, braucht es manchmal nicht viel mehr als Totholz, um neuen Raum für Leben zu schaffen. Denn Totholz ist alles andere als tot!
Literatur
1. Wittmann, D., Schindler, M., Blochtein, B., & Barouz, D. (2004). Mating in bees: How males hug their mates. 8th IBRA International Conference on Tropical Bees
2. Birdlife. Lebendiges Totholz. [Online] [Zugriff am: 28.03.2026.] www.birdlife.ch/de/content/lebendiges-totholz.
3. WSL. Holzfäulen: Braunfäule, Weissfäule und Moderfäule. [Online] [Zugriff am: 30.03.2026.] www.totholz.wsl.ch/de/totholz/abbau-von-holz/holzfaeulen/