Die Plastizität des Bienenvolkes 

11/22 | Wissenschaft und Praxis
Johannes Wirz (johannes.wirz@goetheanum.ch) und Martin Dettli, Dornach (dettli@summ-summ.ch)

Noch immer beruht die imkerliche Betriebsweise grösstenteils auf einer dichten Gruppenaufstellung, einer Vergrösserung des Beutenvolumens zur Trachtzeit sowie der damit verbundenen Unterdrückung des Schwarmtriebs. Zusammen mit der Varroabehandlung werden die vielfältigen Anpassungsmechanismen zwischen dem Bienenvolk und der Varroamilbe damit ausgehebelt. 

Wir Imkerinnen und Imker richten unseren Umgang mit den Bienenvölkern auf eine ertragsorientierte Wirtschaftsweise aus. Das war bereits bei den Zeidlern des Mittelalters so: Sie haben in Bäume Höhlen mit einem Volumen von bis zu 90 Litern geschlagen und ernteten den Honig nur im untersten Drittel, weil es damals noch keine Zuckerfütterung gab. Damit wurde sichergestellt, dass die Völker stets über genügend Wintervorräte verfügten. 

Die festgetretenen Wege

Heute setzen wir um, was wir in Kursen und aus Praxishandbüchern der Bienenhaltung gelernt haben. Lange haben wir keinen anderen Blickwinkel gekannt und diese Betriebsweise als der korrekte, «richtige» Umgang mit dem Bienenvolk definiert. Dazu gehört, dass auf unseren Bienenständen einige bis viele Bienenvölker nebeneinanderstehen, dass man einen Honigraum aufsetzt, wenn der Nektar fliesst und dass die Vermehrung über das Schwärmen so gering wie möglich gehalten wird. Die regelmässige Behandlung der Völker gegen die Varroa gehört zu diesem System untrennbar dazu. 

Wenn wir jetzt einen einzelnen Stein aus diesem System herausbrechen und zum Beispiel nach einer behandlungsfreien Bienenhaltung suchen, müssen wir auch andere Haltungsbedingungen verändern, sonst ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass wir alle Bienenvölker verlieren. Um die Überlebenschance ohne eine Varroabehandlung zu erhöhen, müssen wir folglich an einer oder mehreren der oben beschriebenen Selbstverständlichkeiten in unserer Imkerei rütteln. Das könnte beispielsweise die Einzelaufstellung sein oder der Versuch, das Volk auf seinem Überwinterungsraum zu führen, gar nicht aufzusetzen, die Enge zuzulassen und damit auch den Schwarmtrieb als wahrscheinlich und erwünscht miteinzubeziehen. Das muss nicht alles miteinander geschehen, es sind Möglichkeiten, die helfen können, wenn wir als oberstes Ziel eine stabile Varroatoleranz über mehrere Jahre etablieren möchten. Denn es braucht ein grundlegendes Umdenken und ein Herumschrauben an den Haltungsbedingungen, die wir in unserer «normalen» Imkerei gewohnt sind. Der amerikanische Dichter und Umweltaktivist Wendell Berry meinte einst: «Wir können nicht wissen, was wir tun, bis wir wissen, was die Natur machen würde, wenn wir nichts tun würden». In diesem Sinne lohnt sich ein genauerer Blick auf freilebende Bienenvölker und ihre Verhaltensweisen. 

Einzelaufstellung 

In einer wildlebenden Bienenpopulation hat Thomas Seeley im Arnot Forest ein Baumvolk pro Quadratkilometer geschätzt. Auf unseren Ständen haben wir zehn bis 20 Völker auf zehn Quadratmetern. Das sind zwei Extreme. Um die Auswirkungen der Gruppenaufstellung gegenüber der Einzelaufstellung zu untersuchen, hat Thomas Seeley Völker im engen Abstand von unter einem Meter mit solchen verglichen, die einzeln standen mit ca. 10–20 Metern Abstand, unterstützt durch verschiedene Ausrichtungen und in einem buschig strukturierten Gelände. Er hatte bei der Gruppenaufstellung um die 50 Prozent Drohnenverflug, bei der Einzelaufstellung etwa zwei Prozent. Das zeigt die Intensität des Austausches zwischen den Völkern. Es war ein Überlebensversuch ohne Varroabehandlung mit je zwölf Völkern. Bei den einzeln aufgestellten überlebten nach zwei Jahren fünf, bei der Gruppenaufstellung keines. Thomas Seeley mutmasst, dass neben der Varroa selbst auch Pathogene, gerade auch die für den Tod varroabefallener  Bienenvölker verantwortlichen Viren, leichter übertragen würden. 

Volk ohne Aufsatz 

Dass Völker ohne Behandlung in einer 40-Literbeute im Verhältnis zu den 160-Literbeuten, auf die unsere Völker mit Honigaufsätzen kommen, wesentlich besser überleben, hat Thomas Seeley mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in anderen Versuchen eindrücklich gezeigt. In den kleinen Beuten schwärmten 80 Prozent der Völker, in den grossen waren es weniger als 20 Prozent. Darüber hinaus war der Milbenbefall in den kleinen Behausungen zehnmal kleiner als in den grossen. Die Volksstärke und das Brutnest waren bei 40 Litern weitaus kleiner als bei 60 Litern, das sind beides Gründe für diesen grossen Unterschied. 

Blick in eine Klotzbeute, die an einem Baum hängt (Foto: Johannes Wirz) 

Aber bereits die Reduktion auf eine 60 Liter-Beute hilft dem behandlungsfreien Bienenvolk. Das ist die Grössenordnung unserer Beuten, wenn sie auf das Überwinterungsvolumen ohne Honigaufsatz beschränkt bleiben. Zu beobachten, wie die 60 Liter-Beute ohne Aufsatz gefüllt wird, ist ein eindrückliches Erlebnis. Mit einer wöchentlichen Durchsicht sieht man einen Prozess, den man in der normalen Imkerei so nie erlebt. Der Futterkranz wird mit zunehmender Tracht zu einer Futterhaube, welche die Brut wie eine Zange so einengt, dass das Bienenvolk einem fast leidtun könnte. Unter dem Druck dieser Futterhaube haben wir erwartet, dass der Schwarmtrieb bald einsetzen würde, doch das beobachtete Volk kam letztlich auf ein räumliches Verhältnis von 50 % Futter zu 50 % Brut, bis es so weit war. Der Schwarmtrieb wurde somit erst ausgelöst, als räumlich gesehen 30 Liter mit Futter und 30 Liter mit Brut besetzt waren, was einer Honigmenge von ca. 15 kg und etwa 40 000 Brutzellen entspricht. Leidtun muss einem dieses Bienenvolk aber keineswegs. Wir wissen, dass unsere Schwärme bei freier Wahl ein Beutenvolumen von 40–60 Litern als ideale Grösse für die Besiedelung auswählen. Die Enge von Futter und Brut gehört deshalb schon Tausende von Jahren zum Bienenvolk als Normalfall, bevor die Imker/-innen vor 150 Jahren begannen, das Beutevolumen für die Überwinterung im Frühling auf das Doppelte auszudehnen, was heute als normal erachtet wird. 

Thomas Seeley und Torben Schiffer haben in Vorträgen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Bienen, wenn das Beutenvolumen mit Honig und Brut gefüllt ist, die Sammeltätigkeit einstellen und das Hygieneverhalten im Stock intensivieren. Obwohl diese Überlegung intuitiv nachvollzogen werden kann, sind uns keine Untersuchungen dazu bekannt, die dies belegen.

Der Schwarm –  der wichtige Gesundmacher

Weil die konventionelle Imkerei mehrheitlich mit Schwarmverhinderung arbeitet, findet die Bedeutung des Schwärmens für die Gesundheit der Völker nur wenig Beachtung. Er ist nicht nur die einzige Möglichkeit der Bienen, unter natürlichen Verhältnissen neue Völker zu bilden. Er bedeutet auch eine Verjüngung aller neu entstandenen Völker, sogar im Vorschwarm mit der alten Königin. Die Umstellung der Diät der alten Königin kurz vor dem Verdeckeln der ersten Weiselzelle führt zur Verringerung der Eilegetätigkeit und das kann ebenso als jugendlich interpretiert werden wie die Tatsache, dass 80 Prozent aller Bienen ihre Wachsdrüsen aktivieren. 

Darüber hinaus führt der Schwarmakt bei Vor- und Nachschwärmen, ebenso wie im Restvolk, zu einem Brutunterbruch oder einer Brutpause, was die Überlebenswahrscheinlichkeit zusätzlich erhöht. Nicht zuletzt deshalb, so glauben wir, schwärmen 80 Prozent aller wildlebenden Bienenvölker in den Bäumen jedes Jahr. 

Wir wissen, dass Vorschwärme weniger als 10 Prozent aller Milben im Volk hinaustragen und dass im Restvolk, wie in den Nachschwärmen, welche eine längere Brutpause durchleben, bis zu 60 Prozent der Milben abgestossen werden. Schwärmen ist der Gesundbrunnen schlechthin. 

Das Zusammenleben von Bienenvolk und Varroamilbe  

Beim «Uncapping / Capping»-Verhalten öffnen die Bienen die Brutzellen und stören so die Entwicklung der Varroamilbe (Foto: Sarah Grossenbacher).

Was in den varroatoleranten Völkern geschieht, wird oft als Blackbox bezeichnet. Wir wissen nicht, wie und warum das funktioniert. Auch wenn grundsätzlich noch viel im Dunkeln liegt, zeigt sich, dass sowohl varroaseitig das Verhalten angepasst wird, wie auch bienenseitig einiges möglich ist. Bei den untersuchten Beispielen der Toleranz beruht das Zusammenleben nicht nur auf einer verbesserten Abwehr, sondern auch auf einer erstaunlichen Toleranz gegenüber hohen Milbenbelastungen. Bei unserer Beobachtung von varroa­toleranten Völkern in der Schweiz (SBZ 01 / 2018) haben wir gesehen, dass zwar sehr hohe natürliche Milbenfallzahlen von 50–100 Milben pro Tag möglich sind, dass aber die Phasen mit über 30 Milben pro Tag auf etwa einen Monat im Jahr begrenzt sind. Die Völker hatten also auch ruhige Varroazeiten mit weniger als fünf Milben pro Tag über sechs Monate. Die Varroamilben scheinen sich gegenseitig zu behindern, wenn die Varroa-Populationen aus dem Ruder zu laufen drohen. Wir erinnern an die Bemerkung von Pia Aumeier in der Oktober Bienen-Zeitung (SBZ 10 / 2022): «Die Varroamilbe hat offenbar befallsabhängige Vermehrungsraten.» Wenn zu viele Milben bereitstehen, um kurz vor der Verdeckelung in die Bienenbrut zu hüpfen, entsteht eine Konkurrenzsituation mit gegenseitiger Behinderung. Die doppelt mit Milben besetzten Zellen sind weder für die Entwicklung der Milben noch für die der Bienen optimal. Das Milbenverhalten ändert sich übrigens auch bei einem Brutunterbruch, sei es aufgrund einer Schwarmsituation oder künstlich herbeigeführt, grundlegend. Die Milben fallen aus ihrem Vermehrungsrhythmus und brauchen einige Zeit, um nach fast einem Monat wieder hineinzufinden. 

Die verzögerte Eiablage des Varroa­weibchens oder ihr gänzliches Versagen in Bezug auf das Eierlegen wird als Abwehrmechanismus der Bienen beschrieben, kann aber auch als unterdrückte Fruchtbarkeit der Varroamilben gesehen werden – da tappen wir im berühmten Dunkeln. Es gibt rein bienenseitig verschiedene Mechanismen, die wir kennen, und möglicherweise noch viele andere, die wir nicht kennen. Die berühmteste ist das Ausräumen von befallender Brut, aber auch das «Uncapping / Capping»-Verhalten, das kontrollierende Abdeckeln und Wiederverdeckeln und das «Grooming»-Verhalten, bei dem die Bienen sich selbst oder ihren Schwestern die aufsitzenden Milben aus dem Haarkleid entfernen. 

Hohe Plastizität 

Wir dürfen davon ausgehen, dass sich alle diese Verhaltensweisen in der langen Entwicklungsgeschichte der Honigbiene in allen Völkern, stärker oder schwächer, genetisch erblich fixiert haben. Mit der künstlichen Züchtung kann in den allermeisten Fällen nur eine der oben genannten Verhaltensweisen bearbeitet werden. Die Gründe dafür sind einfach: Ein Züchtungsprogramm würde extrem komplex, wenn auf alle Verhaltensweisen zur Toleranz oder Resistenz gleichzeitig gezüchtet werden sollte. 

Die bisher wissenschaftlich beschriebenen Toleranzsituationen beruhen darauf, dass die Imkerinnen und Imker mit Standbegattungen arbeiten und lediglich die erfolgreichen Völker selektieren. Das breite Spektrum an verschiedenem Verhalten von Toleranzvölkern weist auf die Plastizität hin. Die Vielfalt im Verhalten ermöglicht in Notsituationen, wie bei der ungehinderten Ausbreitung der Varroamilben, Lösungen zu finden, die ein Überleben erleichtern. Auf diese Weise finden die Bienen ihren Weg zur Toleranz selber. Imkerseitig braucht dies eine optimale Unterstützung und viel Vertrauen.

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