Die Sal-Weide – ein Insektenparadies par excellence

03/23 | Natur und Wildbienen
Daniel Ballmer, Verein Floretia (daniel@floretia.ch)

Wenn es um Frühblüher im Garten geht, denken wir intuitiv an Zwiebelpflanzen, Primeln und Co. Aber die wichtigsten Frühblüher für die Insektenwelt sind Weiden, und die Sal-Weide (Salix caprea) ist die erste von ihnen. Nebst ihrem hohen Wert für Wild- und Honigbienen ist die Sal-Weide auch eine herausragende Raupennahrung für diverse Tag- und Nachtfalter.

An einem sonnigen Märztag unter einer blühenden Sal-Weide zu stehen, ist für mich jedes Jahr wie das Ende einer langen Durststrecke. Endlich fliegt wieder mehr als nur eine Handvoll Bienen und Hummeln, endlich herrscht wieder ein geschäftiges, vielfältiges Treiben. Der Reichtum an Nektar und Pollen lockt praktisch alle Bestäuber an, die um diese Zeit schon unterwegs sind: Da sind zuallererst einmal Unmengen an Honigbienen; mit Nektarwert 4 und Pollenwert 4 ist die Sal-Weide für sie ein Eldorado. Unter die allgegenwärtigen Nutztierchen mischen sich prominent diverse Hummeln und überwinternde Tagfalter wie der Kleine Fuchs (Aglais urticae), das Tagpfauenauge (Aglais io) und der Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni). Wer genau hinschaut, kann auch Schwebfliegen und Eulenfalter beobachten, die sich ebenfalls nach langer Winterruhe stärken. Und je nach Ort sind auch die ersten Solitärbienen vertreten. Ganze neun verschiedene Sandbienen-Arten sind auf Weidenpollen spezialisiert und versorgen ihren Nachwuchs praktisch ausschliesslich damit. Unter ihnen sind die Weidensandbiene (Andrena vaga), die Frühe Sandbiene (A. praecox) und die Rotbauch-Sandbiene (A.  ventralis) noch immer recht weit verbreitet und gelegentlich auch in Gärten anzutreffen, in höheren Lagen stellenweise auch die Rotschienige Sandbiene (A.  ruficrus). Die Frühlings-Seidenbiene (Colletes cunicularius) sammelt auch an anderen Pflanzen Pollen, fliegt aber bevorzugt Weiden an.

All diese Bienen kommen am häufigsten in der Nähe grosser Auen- und Feuchtgebiete vor, wo sie auch im April und Mai noch genug Weidenpollen finden. Steht ein Garten weitab von solchen Lebensräumen, tauchen Weidenspezialistinnen eher in kleiner Zahl auf. Sand- und Seidenbienen nisten wie die meisten einheimischen Wildbienen in sonnigen, locker bewachsenen Böden und können mit gut gemachten Nisthilfen für grabende Wildbienen auch im Garten gefördert werden. Der BienenSchweiz-Vertiefungskurs Nistgelegenheiten ist allen Leserinnen und Lesern sehr zu empfehlen, die so eine Struktur fachgerecht anlegen möchten.

Die Weidensandbiene und die Frühlings-Seidenbiene bilden an geeigneten Stellen grosse, gemischte Brutkolonien mit Hunderten bis Zehntausenden von Nestern, die an sonnigen Frühlingstagen wie geschäftige Städte wirken. Ich durfte im Frühling 2022 für den Dokumentarfilm «Gateway» eine dieser Kolonien bei Basel mehrere Tage lang beobachten. Die Welt, die sich mir dabei eröffnete, war atemberaubend: Die emsigen Weidensandbienenmännchen, kleine Don Quijotes, die eine halbe Stunde graben, nur um festzustellen, dass das Weibchen in seiner Bruthöhle bereits verpaart war. Die schlauen Wollschwebermütter (Bombyliidae), Brutparasiten, die ihre Eier elegant in die Nähe von Wildbienennestern schleudern. Die wilden Paarungsknäuel der Frühlings-Seidenbiene … Wenn Sie ein faszinierendes Naturschauspiel erleben möchten, kann ich Ihnen nur empfehlen, sich im April auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen (BS) an den Wegrand zu setzen und der dortigen Kolonie zuzuschauen. Am besten natürlich mit einem kleinen Fernglas, sodass Sie hautnah dran sein können, ohne den Weg zu verlassen.

Ein Weibchen der Weiden-Sandbiene (Andrena vaga) schaut aus seiner Erdhöhle. Die Weibchen der Weiden-Sandbiene paaren sich nur einmal im Leben. Ein Tag später verändert sich ihr Duft, was sie für Männchen unattraktiv macht. Bis dahin müssen sie sich allerdings gegen Paarungsversuche wehren (Fotos: Joris van Alphen | Lucky Film GmbH).
Das Weibchen im Bild ringt gerade ein uneinsichtiges Männchen zu Boden (Fotos: Joris van Alphen | Lucky Film GmbH)

Gegen Ende ihrer Blühzeit wird die Sal-Weide immer mehr auch von unspezialisierten Wildbienen besucht, deren Saison etwas später beginnt. So fliegt die häufige, oft in «Bienenhotels» nistende Rote Mauerbiene (Osmia bicornis) gerne Sal-Weiden an. Und die Sal-Weide liefert solche Mengen an Pollen, dass es sich sogar für Kleinvögel lohnt, sie abzuweiden. Am häufigsten ist der Zilpzalp (Phylloscopus collybita) bei diesem ungewöhnlichen Verhalten zu beobachten, den man deswegen auch Weidenlaubsänger nennt.

Erst Bestäubermagnet, dann Kinderstube für Schmetterlinge

Auch nach dem Verblühen, wenn die Sal-Weide ihre breiten Blätter wachsen lässt, bleibt sie voller Leben. An die hundert Tag- und Nachtfalterarten nutzen sie als Raupennahrung, darunter Schönheiten wie der Grosse Schillerfalter (Apatura iris), der C-Falter (Polygonia c-album), der Grosse Fuchs (Nymphalis polychloros), die beiden Kleinen Nachtpfauenaugen (Saturnia pavonia, S. pavoniella) und der selten gewordene Trauermantel (Nymphalis antiopa). Wie alle Raupenfutterpflanzen wird die Sal-Weide unregelmässig genutzt – im einen Jahr kann es viele Raupen geben, im nächsten kaum welche – und die ausgewachsenen Schmetterlinge halten sich nur kurz an ihr auf. Aber mit Geduld und etwas Glück kann man auch an Sal-Weiden im Garten eine beeindruckende Vielfalt an Schmetterlingsraupen feststellen. Auch spezialisierte Blattkäfer (Chrysomelidae) und Blattwespenlarven (Tenthredinidae) fressen die Blätter der Sal-Weide. Blattwespenlarven ähneln Schmetterlingsraupen und können ebenso bunt gemustert sein, haben aber die Angewohnheit, ihren Hinterleib in Form eines S in die Luft zu strecken und sich nur mit den vorderen Beinen am Blatt festzuhalten. Die Fülle an Insekten macht die Sal-Weide zu einem Restaurant für Vögel und Fledermäuse. Im Garten sind es vor allem Meisen (Parus), Mönchs- und Gartengrasmücke (Sylvia atricapilla, S. borin), Zilpzalp und Fitis (Phylloscopus trochilus), die die lichten Kronen der Sal-Weide durchstreifen. An älteren Bäumen mit aufgerissener Rinde klettern auch gerne der Kleiber (Sitta europaea) und der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) herum, die kleine Insekten aus der Baumrinde picken. In wenig beleuchteten Gärten und Landschaften fliegen nachts auch die wendigen Langohr-Fledermäuse (Plecotus) an den Sal-Weiden herum, um Nachtfalter und deren Raupen zu erbeuten.

Ein Kleiner Fuchs (Aglais urticae), nach der Überwinterung recht lädiert, ruht sich nach dem Nektartrunk an einer Weide in der Frühlingssonne aus (Foto: Daniel Ballmer).
Die meisten Hainschwebfliegen (Episyrphus balteatus) ziehen im Herbst über die Alpen nach Süden, aber ein gewisser Teil der Weibchen überwintert bei uns und nutzt die Sal-Weide als erste Nahrung nach der Winterruhe. Ihre Larven sind hervorragende Blattlausvernichterinnen (Foto: Daniel Ballmer).

Ausnahmsweise können gewisse Insekten an der Sal-Weide auch überhandnehmen und den Baum ganz oder teilweise kahl fressen. Dies ist aber kein Grund zur Sorge und erst recht kein Anlass für einen Eingriff: Der Baum treibt schnell wieder aus, auch weil die Hinterlassenschaften der Raupen ein hervorragender Dünger für ihn sind. Meist wirkt er schon nach wenigen Wochen wieder, als wäre nichts geschehen. Auf das langfristige Wachstum und die Gesundheit der Sal-Weide hat ein solcher Kahlfrass keine Auswirkungen.

Drei Larven der Blaugrünen Weidenblattwespe (Nematus pavidus) fressen ein Sal-Weiden-Blatt bis aufs Gerippe ab. Die junge Weide verträgt dies problemlos. Blattwespenlarven sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für Meisen und andere Kleinvögel.
Drei Larven der Blaugrünen Weidenblattwespe (Nematus pavidus) fressen ein Sal-Weiden-Blatt bis aufs Gerippe ab. Die junge Weide verträgt dies problemlos. Blattwespenlarven sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für Meisen und andere Kleinvögel (Foto: Daniel Ballmer).

Vielseitige Verwendung im Garten

Im Gegensatz zu fast allen anderen heimischen Weiden wächst die Sal-Weide sehr gerne abseits von Gewässern. Als Pionierpflanze besiedelt sie Orte wie Waldränder, Kahlschläge, verbuschende Wiesen und Erdrutschflächen. Rückschnitte verträgt sie problemlos. Dies macht sie im Garten vielseitig einsetzbar: Als Baum oder Strauch passt sie praktisch überall hin, nur an sehr schattigen oder ganzjährig trockenen Stellen gefällt es ihr nicht. Wo es ihr nur im Sommer zu trocken wird, überlebt die Sal-Weide zwar, lässt aber im Hochsommer die Blätter fallen und treibt im Herbst neu aus. Die Sal-Weide lässt sich zur Kopfweide schneiden oder zu Weidenhäusern und -zäunen verweben, und sie funktioniert auch als Kübelpflanze. Lässt man sie ohne Schnitt wachsen, bleibt sie je nach Standort ein grosser Strauch oder wächst zu einem bis zu acht Meter hohen Baum heran. Mit einer Lebenserwartung von kaum über sechzig Jahren wird aus der Sal-Weide allerdings nie ein mächtiger alter Baumriese. Und mit ihrer lichten, niedrigen, nicht sehr breiten Krone ist sie denkbar ungeeignet als Schattenspender über einem Gartensitzplatz.

Steht die Sal-Weide auf allen Seiten frei, wächst sie oft zu einem regelmässigen, lichten, niedrigstämmigen Baum heran, der mehr an eine Hainbuche erinnert als an andere Weiden. (Foto: Hladac, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0).
Je nach Standort wächst die Sal-Weide auch ohne Beschnitt nicht zu einem Baum heran, sondern bleibt – wie hier – ein dichter, grosser Strauch (Foto: Francisco Welter-Schultes).

Wie die meisten Weiden ist die Sal-Weide zweihäusig, es gibt also männliche und weibliche Exemplare. Wollen Sie sich nur ein Exemplar in den Garten setzen, greifen Sie am besten zu einem Männchen, das neben Nektar auch Pollen liefert und damit für Bienen interessanter ist.

Wird die Sal-Weide als Kopfweide gepflegt, sollten ihre Ruten den Bienen zuliebe nur alle vier bis fünf Jahre zurückgeschnitten werden, weil sie im Jahr nach dem Schnitt deutlich weniger Blüten trägt als sonst. Sind mehrere Exemplare vorhanden, sollte man aus demselben Grund nie alle im selben Jahr stutzen. Pflegt man die Sal-Weide als Strauch, ist höchstens ein einmaliger Schnitt des Haupttriebs nötig, wenn sie sich mal anstellt, ein Baum zu werden. Lässt man sie zum Baum heranwachsen, muss sie überhaupt nicht beschnitten werden. Allerdings können ältere Äste vom Weidenbohrer (Cossus cossus) befallen werden, einem Nachtfalter, dessen Raupen sich im Holz entwickeln und die Äste zum Absterben bringen. Am besten kürzt man tote Äste auf 50–80 cm Länge und belässt sie am Baum, sodass sie höhlenbrütenden Vögeln und Totholzkäfern als Kinderstube dienen können. Abgestorbene Äste gehören zum Leben jeder grösseren Weide dazu; der Baum als Ganzes überlebt den Verlust meist problemlos.

Um die Sal-Weide als Kopfbaum zu pflegen, kappt man sie einmal und schneidet dann alle vier bis fünf Jahre sämtliche Ruten am Grund ab. So entstehen mit der Zeit knorrige «Köpfe», die erst Holzbienen und Holzkäferlarven und später auch Vögeln und Kleinsäugern als Kinderstube dienen (Fotos: Daniel Ballmer).

Unter dem Strich ist die Sal-Weide in jeder Hinsicht die erste Trachtpflanze, die in einen bienenfreundlichen Garten gehört. Mit ihrer Fülle an Nektar und Pollen lockt sie in der kargen Märzlandschaft eine einmalige Artenvielfalt an. Und auch später im Jahr bleibt sie ein belebter Treffpunkt für Schmetterlinge, Nachtfalter, Vögel und viele weitere Tiere.

Fotos: Daniel Ballmer
In der flachen Vorfrühlingssonne gibt selbst eine Honigbiene an einem Weidenkätzchen eine zauberhaft-mystische Silhouette ab (Foto: Daniel Ballmer).

Begleitpflanzen

Die Sal-Weide lässt sich gut in Wild- und Baumhecken integrieren. Hervorragende Begleitsträucher sind unter anderem:

  • Schwarzdorn (Prunus spinosa), Traubenkirsche (Prunus padus), Stachelbeere (Ribes uva-crispa) und Weissdorne (Crataegus laevigata, C. monogyna), die etwas später als die Sal-Weide blühen und ebenfalls viele Hummeln und unspezialisierte Wildbienen mit Pollen versorgen.
  • Holunder (Sambucus nigra, S. racemosa), Weinrose (Rosa rubiginosa) und Filzige Rose (Rosa tomentosa), die das Blütenangebot der Hecke bis in den Juni oder Juli weiterziehen.
  • Purgier-Kreuzdorn (Rhamnus cathartica), eine Raupenpflanze des Zitronenfalters (Gonepteryx rhamni).

Am Fuss der Sal-Weide lassen sich Frühblüher ver- wenden, die direkt an ihre Blütezeit anschliessen:

  • Lungenkräuter (Pulmonariaobscura, P.officinalis) und Hohler Lerchensporn (Corydalis cava), Nektar- und Pollenquellen für Hummeln, Honig- und Pelzbienen.
  • Wald-Schlüsselblume (Primula elatior), Nektar- quelle für frühe Schmetterlinge.

Auch später blühende Begleitstauden sind schöne und sinnvolle Ergänzungen für die Bestäuberfauna:

  • Nesselblättrige und Breitblättrige Glockenblume (Campanula trachelium, C. latifolium), Pollen- und Nektarquellen für Schwebfliegen und Wildbienen, darunter spezialisierte Masken- und Scherenbienen.
  • Schmalblättriges Weidenröschen (Epilobium  angustifolium), Pollen- und Nektarquelle für Wild- und Honigbienen, eine Raupenpflanze des Mittleren Weinschwärmers (Deilephila elpenor).  
  • Wald-Witwenblume (Knautiadipsacifolia), Pollen- quelle für Rosenkäfer, Honig- und Wildbienen, Nektarquelle für Tag- und Nachtfalter.
  • Wasserdost (Eupatorium cannabinum) oder in höheren Lagen Alpendost (Adenostylesalpina, A.alliariae), Pollenquellen für Hummeln, Honig- und Seidenbienen, Nektarquelle für verschiedenste Tagfalter, Schwebfliegen und den Russischen Bär (Euplagiquadripunctaria), einen tagaktiven Nachtfalter.
  • Echte Betonie (Betonica officinalis), Pollen- und Nektarquelle für Hummeln, Honig-, Woll- und Pelzbienen, Nektarquelle für Tagfalter und Widderchen.
  • Brennnessel (Urtica dioica), Raupennahrung für das Tagpfauenauge (Aglais io), den Kleinen Fuchs (Aglais urticae) und viele weitere Schmetterlinge.

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