Ungewohnte Gedanken zum Honig

11/25 | Allgemein
Christian Schmutz, Freiburg


Jede Imkerin und jeder Imker weiss: Honig ist Superfood. Ich weiss aber auch: Superfood lauert an jeder Ecke und springt Passanten an wie ein Blutegel im Urwald.

Die globalen Mar­kt­forscher von Mintel haben herausgefunden, dass allein zwischen 2011 und 2015 die Anzahl der als «Superfood» auf den Markt gebrachten Lebensmittel und Getränke weltweit um 202 Prozent gestiegen sind. «Super» ist darin das Marketing, aber halt auch die Nachfrage der Konsumierenden nach nährstoff- und vitaminreichen Lebensmitteln mit wenig Fett und Zucker. Speisen müssen heute Jungbrunnen sein, die einen gesund und knackig erhalten. «Super»-Produkte tauchen darum auch regelmässig in Schönheitspflege, Gesundheit, Hygiene und Haustiernahrung auf.

In diesem Sog steigen bald Bienen von Nutztieren zu Haustieren auf. Bald brauchen wir Immensitter, die sie an die Leine nehmen und mit ihnen spazieren gehen. Begegnen sie anderen Immensittern, beschnüffeln sich die Tiere nicht wie Hunde am Hinterteil, sondern an ihrer Blüte. Wir spielen mit der Hausbiene, indem wir Blumen werfen: «Nun geh, hol das Nektärchen!» Bald wird sie wie Gans und Hund als Wachbiene abgerichtet. Vorteil: Wenn sie einmal aggressiv wird und sticht, muss man sie nicht einschläfern. Sie veranlasst dies durch das Stechen schon selbst.

Zurück zum Honig. Während ich meinen einfach aufs Brot streiche, veranstalten Honig-Sommeliers ganze Probierzeremonien. Nach dem Wein ist die gspürige, detailversessene und sprachgewaltige Degustation von Lebensmitteln auch auf Kaffee, Tee, Gin, auf Quinoa, Chia, Chilischoten und vieles mehr gesprungen. Und logisch auch auf den Honig.

Mit der Ernsthaftigkeit eines Weinkenners schwenken Honig-Feinschmecker ihre Löffel, schnüffeln bedächtig und lassen den flüs­-sigen Nektar auf der Zunge zergehen: «Ich schmecke eine dezente Note von Löwenzahn mit einem Hauch von frecher Brennnessel und einem überraschenden Abgang von Früh­-lingswiese.»

Auch ist der Bienenstock ein Spiegel der Gesellschaft, nur umgekehrt. Die Weibchen haben das Sagen. Beim Namen Drohne sind Missverständnisse sogar programmiert. Die «männliche Biene» wurde von ihren neuen Nebenbedeutungen überholt und wird in die Vergessenheit getrieben. Die heutigen Leute denken bei Drohnen vor allem an die unbemannten, ferngesteuerten Flugobjekte, mit denen fotografiert, gefilmt und bombardiert werden kann. In Krieg und Frieden spricht man bald nur noch von diesen technologisch entwickelten Drohnen – Bienendrohnen sind zum Missachten geschaffen.

Eine Königin ist biologisch gleichzeitig Mutter und Vater der jungen Bienen. Ohne Befruchtung bekommt sie nur langweilige Drohnen. Die Drohne – als fliegendes Sperma nur eine Zwischenstufe – braucht sie höchstens, um dabei nicht Inzucht zu betreiben. Und es hat noch keine die Befruchtung einer Königin überlebt. Das Jobprofil ist also überschaubar. Einfach Sperma herumtragen und nach dem Orgasmus sterben – das sollten sogar Männchen schaffen.

Christian Schmutz aus Freiburg i. Üe. ist Autor und Dialektologe. Er macht sich für die BienenZeitung spielerisch einige Gedanken zu Honig und Bienen. Heute geht es um Superfood.

Dieser Artikel könnte
Ihnen auch noch gefallen