Was sich gegen Stockfeuchte tun lässt

12/25 | Wissenschaft und Praxis
THOMAS MÜLLER (pipap@bluewin.ch)


Wie artgerecht ist unsere Bienenhaltung? Ein Imkermeister, eine Biologin und ein Bauingenieur zeigten an der Herbsttagung der Alumni Imkerbildung Schweiz teils verblüffende Verbesserungsmöglichkeiten auf.

Wer kennt das Problem mit der Stockfeuchte nicht: In den Ecken bildet sich Kondenswasser, im Frühjahr stösst man auf angeschimmelte Randwaben. Der Gesundheit der Bienen ist das nicht zuträglich. Als Gegenmittel propagieren manche bei Magazinen offene Gitterböden, die für eine bessere Lüftung sorgen sollen. Andere empfehlen sogenannte Klimadeckel. Dank einer Schicht Hobelspäne oder Schafwolle über einem Mückenschutzgitter sind sie diffusionsoffen und sollen überschüssigen Wasserdampf aus dem Bienenstock ableiten.

Imkermeister Norbert Poeplau, Biologin Sigrun Mittl und Ingenieur Roland Sachs

Wie sinnvoll sind «Klimadeckel»?

Mit solchen Klimadeckeln experimentierte auch Roland Sachs, einer von drei Referenten an der Herbsttagung des Vereins für Imkerinnen und Imker mit eidgenössischem Fachausweis (Alumni Imkerbildung Schweiz) vom September in Lenzburg. 2017 aber baute der Bau-ingenieur und Hobbyimker seinen letzten Klimadeckel. Denn er stiess auf die Schriften des Bienenforschers Anton Büdel, der ab 1946 in München eine «Versuchsstelle für Bienenphysik» betrieben hatte. Ein Verwandter im Geiste, der nicht irgendwelche Annahmen treffen wollte, sondern alles mass, was er messen konnte: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO₂-Gehalt. «Büdel steckte zum Teil hundert Sensoren in eine Wabengasse», erzählte der Bauingenieur mit Begeisterung in der Stimme – denn Erforschung der physikalischen Prozesse im Bienenstock ist auch seine grosse Leidenschaft.

Anton Büdel gelang es aufzuzeigen, dass der Abtransport der Feuchtigkeit aus dem Bien­enstock nach draussen fast ausschliesslich über das Flugloch erfolgt. Eigene Messungen und Versuche von Sachs haben dies bestätigt. Wasserdampf ist Wasser in gasförmigem Zustand. «Und kein Gas der Welt kommt auf die Idee, durch einen diffusionsoffenen Klimadeckel zu gehen, wenn es durch das offene Flugloch viel einfacher geht», erklärte der Ingenieur. Eine diffusionsoffene Bauweise hält er über weite Strecken des Jahres für wirkungslos. Aber das sei nicht so schlimm, denn «die meisten Klimadeckel stellen immerhin einen guten Wärmeschutz dar». Dadurch erhöhe sich die Temperatur unter dem Deckel, was dort zu einem Rückgang der relativen Luftfeuchtigkeit führt. Das heisst: Die Wahrscheinlichkeit von Kondenswasser unter dem Deckel sinkt, von wo es in die Wabengassen und damit in sensible Bereiche tropfen kön­nte: «Die meisten Klimadeckel sind daher nicht sinnlos, sie erfüllen ihren Zweck, bloss auf eine nicht vorgesehene Art und Weise.»

Offene Gitterböden in der Kritik

Alle drei Referenten stufen die offenen Gitterböden als schlecht ein. Nach heutigem Wissensstand sehe er nichts, was für offene Böden spreche, sagte Roland Sachs. Die Biologin Sigrun Mittl teilt diese Meinung: Zuerst habe man den Fehler gemacht, die Wandstärke der Bienenbeuten auf die heute üblichen rund zwei Zentimeter zu reduzieren, was zu den bekannten Problemen mit der Stockfeuchte geführt habe, sagte sie. Mit dem offenen Gitterboden habe man versucht, den Fehler zu korrigieren, aber damit das Lüftungsverhalten der Bienen und «die natür­liche Ordnung komplett durcheinandergebracht». Imkermeister Norbert Poeplau bestätigte ihre Einschätzung und erzählte von einer abendlichen Beobachtung am traditionellen Schwarzwälder Bienenkorb mit seiner guten Isolation. Vor dem Flugloch «ein Riesenteppich mit Bienen, die haben mir ihren Hintern zugedreht und wie auf Fönstufe 2 warme Luft ins Gesicht geblasen». Honigtrockung live, wie Poeplau sagte: «Doch für eine Biene ist es eine Unmöglichkeit, auf einem Gitterboden stehend einen Luftstrom zu erzeugen.»

Die Wiederentdeckung der Erkenntnisse von Anton Büdel und vielen anderen Bienenforschern ermöglichte Sigrun Mittl. Die Naturschutzbiologin trug mit grossem Aufwand längst vergessene wissenschaftliche Arbeiten zusammen, die über viele Fachzeitschriften und Bücher verstreut in den vergangenen Jahrzehnten publiziert worden waren. Zusammen mit Roland Sachs wertete sie diese Schriften aus, verglich sie mit anderer älterer und neuerer Bienenliteratur und den Regeln der Bauphysik. Das Resultat ist ihr gemeinsames Buch «Bienenbau & Bienenbeute – Die Bedeutung des Kleinklimas für gesunde Honigbienen», erschienen im Berner Haupt-Verlag.

Verstärkte Wände statt diffusionsoffenen Kästen

Mittl und Sachs räumen mit so manchem Irrglauben auf. Zum Beispiel, dass warme Luft und feuchte Luft im Bienenstock aufsteigen. «Dafür sind die Widerstände zwischen den Wabengassen zu hoch», erläuterte Roland Sachs in Lenzburg. Das hat mit dem Wabenbau und dessen rauen Oberflächen, den engen Gassen mit wenig Luft und den Bienen als Hindernis für Luftströmungen zu tun. Dazu tragen auch die mit CO₂-beschwerten Luftschichten bei, die ihrerseits eine Tendenz zum Absinken haben. Wer sich für die Details interessiert, kann sie im Buch nachlesen. Dessen Haupterkenntnis ist klar: Bienenbehausungen müssen nicht diffusionsoffen sein. Das sind ja Baumhöhlen auch nicht, in denen die Bienen während Millionen von Jahren lebten. Aber sie müssen mit einer ausreichenden Wandstärke gut isolieren.

Wichtig sind dabei zwei Punkte: erstens der Schutz vor Wärmeverlusten, zweitens der Schutz vor den Temperaturschwankungen draussen, etwa durch die Sonne, die tagsüber auf die Beute prallt. Letzteres ist in den natürlichen Bienenwohnungen kein Problem. Die dicken Wände des Baums oder der Felshöhle sind stets kühler als der Bienensitz. In den heutigen dünnwandigen Bienenmagazinen hingegen mit nur noch etwa zwei Zentimetern dickem Holz können sich die Verhältnisse plötzlich umkehren. Stehen die Beuten nicht im Schatten, fallen die Sonnenstrahlen direkt auf die Aussenwände. «Feuchte Holzwände werden dann wärmer als die Luft im Bienenstock und geben dadurch Wasserdampf ab», so Roland Sachs. Die hohe Belastung könne zu Kondenswasser in empfindlichen Bereichen führen. Doch mit einer zusätzlichen äusseren Wärmedämmung lasse sich die Stockfeuchte in unbedenkliche Bereiche verschieben. Am Boden zum Beispiel ist Kondenswasser harmlos, es trocknet dank dem nahen Flugloch bald ab oder läuft ab. Es ist gemäss Sachs daher sinnvoll, den Deckel stärker zu dämmen als die Seitenwände und die Seitenwände stärker als den Boden.

Die richtige Dämmung und Standortwahl

Doch wie stark dämmen? Die beiden Buchautoren nennen drei bis vier Zentimeter starke Korkplatten als taugliche Zusatzdämmung. Bloss Holz alleine müsste demnach zehn Zentimeter dick sein, was durch das entsprechende Mehrgewicht bei einer Klotzbeute aber wohl kaum praktikabel ist. Styroporbeuten lösen das Problem nicht. Um ausreichend vor den äusseren Temperaturschwankungen zu schützen, wäre gemäss Sachs eine Wandstärke von mehr als 20 Zentimetern nötig – oder eine Schicht zum Beispiel aus Lehmsteinen. Der Ingenieur betonte überdies den Einfluss der Standortwahl: «Bienenvölker gehören immer in den Schatten!» Er selbst experimentiert derzeit damit, Magazine – mit obenliegendem Flugloch – ins Erdreich zu versenken. Dort schwankt die Temperatur der Wärme nicht, womit die Verhältnisse ähnlich wie in Zeidelbäumen oder natürlichen Bienenwohnungen sind. Geplant sind konkrete Tipps und Anleitungen für die nachträgliche Dämmung, die auf dem Blog www.bienenbau.info erscheinen sollen. Roland Sachs bittet alle Interessierten, konkrete Fragen über die Blog-Seite einzureichen.

Links Imkermeister Norbert Poeplau, Biologin Sigrun Mittl und Ingenieur Roland Sachs (von links).Foto: Thomas MüllerRechts Bei einer im Boden versenkten Beute messen verschiedene Sensoren das Stockklima.Foto: Roland Sachs
Bei einer im Boden versenkten Beute messen verschiedene Sensoren das Stockklima. Foto: Roland Sachs

Imkermeister Norbert Poeplau unterstrich an der Tagung die Bedeutung der Wandstärke: «Der Schweizerkasten schneidet mit 2,4 Zentimeter dicken Wänden besser ab als die in Deutschland üblichen 2 Zentimeter.» Auch die Grösse der Brutwaben im Schweizer Mass hält er für recht bienengerecht. Für seine Weiterentwicklung der Einraumbeute nutzt Poeplau eine Wandstärke von 4,5 Zentimetern. Und sägerohes Holz: «Die Bienen propolisieren und ziehen ihre eigene Tapete auf, das ist garantiert bienengerecht.»

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