Abschied von Gerhard Liebig

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Wissenschaft und Praxis


Dr. Gerhard Liebig verstarb am 19. Mai 2026 im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Mit ihm verlieren die Imkerschaft und die Bienenkunde einen der wegweisenden und prägenden Köpfe der letzten Jahrzehnte. Aus unterschiedlichen Blick­winkeln würdigen die Bienenforscher Pia Aumeier, Richard Odemer und der Schweizer Imker Michael Stebler sein Leben und Wirken.

«Wer beobachtet, weiss Bescheid.»

Gerhard Liebigs Weg zur Bienenkunde führte über die Honigtauerzeuger. Nach dem Studium der Agrarbiologie an der Universität Hohenheim forschte er zunächst am Institut für Phytomedizin zur Pfirsichblattlaus. Ab 1976 wirkte er als wissenschaftlicher Angestellter an der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. Zunächst stand die Populationsdynamik bienenwirtschaftlich wichtiger Blatt- und Schildläuse auf Tanne, Fichte und Laubbäumen im Fokus. Seine Erkenntnisse setzte er von 1987 bis 2010 im Aufbau eines Trachtmeldedienstes in Baden-Württemberg zur Prognose der Wald- und Tannentracht um.

Ab 1982 erweiterte er sein Forschungsfeld auf die damals frisch nach Europa verschleppte Varroamilbe. Da Parasit und Wirt eng miteinander verknüpft sind, bezog er ab 1984 auch die Populationsentwicklung von Bienenvölkern mit ein. Sein jahrzehntelang akribisches «Zählen von Läusen, Milben und Bienen» resultierte in bahnbrechenden Erkenntnissen zur Befallsentwicklung der Varroamilbe und einem grundlegenden Verständnis der Entwicklung von Bienenvölkern in Abhängigkeit von Umwelteinflüssen (Tracht und Landwirtschaft, Klima, Witterung, Betriebsweisen).

Gerhard Liebigs Forschung war nie nur akademisch. Er initiierte grosse Feldstudien, in denen Projektimker unter wissenschaftlicher Anleitung an der Bewertung verschiedener Betriebsweisen, der Ermittlung von Schadenschwellen, der Entwicklung und Überprüfung der Gemülldiagnose zur Beurteilung des Befallsgrades sowie der Prüfung von Bekämpfungsmethoden mit biotechnischen Verfahren und organischen Säuren mitarbeiteten. Die von ihm zur Praxisreife geführten Konzepte zählen heute zu den einfachsten, bienenfreundlichsten und verantwortungsvollsten Techniken (Völkervermehrung mit integrierter Königinnenaufzucht in vier Schritten, Spätsommerpflege in vier Schritten, Teilen und Behandeln). Sie finden breite Anwendung in der Imkerschaft.

Auch nach seinem Renteneintritt 2011 blieb Gerhard Liebig Vollblut-Wissenschaftler. Fast täglich standen Datenerfassung und Unterstützung studentischer Arbeiten, jetzt auch an Bienenständen der Ruhr-Universität Bochum, auf dem Programm. Mit ungebrochenem Engagement war er auch weiterhin als gefragter Referent unterwegs. Komplexe Zusammenhänge machte er dabei verständlich, ohne sie beliebig zu vereinfachen. Sein stets enthusiastisch vermittelter Wissensschatz und seine anspruchsvolle Erwartung an uns Imkernde, «Nur wer beobachtet, weiss Bescheid», fussten dabei auf seinem tiefen Verantwortungsgefühl gegenüber den Bienen und gegenüber den Menschen, die mit ihnen arbeiten wollen.

Gerhard Liebigs Vermächtnis besteht daher nicht nur in Fachartikeln, Büchern, Videos (Website und Youtube-Kanal immelieb.de) sowie nach ihm benannten Geräten (Liebig-Beute, Liebig-Dispen­ser) oder Betriebsweisen. Es liegt vor allem in der Vermittlung einer Haltung: genau hinschauen, regelmässig beobachten, die Entwicklung des Volkes verstehen und daraus einfache, verantwortungsvolle Entscheidungen ableiten. Ungezählte Imkernde verdanken Gerhard Liebig den erfolgreichen Einstieg in die Bienenhaltung, ein tiefes Verständnis für «ihre Damen» und stetige Freude an dauerhaft gesunden Bienenvölkern.

Pia Aumeier und Richard Odemer

Gerhard Liebig prägte die moderne Imkerei mit praxisnaher Forschung und verständlicher Wissensvermittlung über Jahrzehnte hinweg.
Gerhard Liebig prägte die moderne Imkerei mit praxisnaher Forschung und verständlicher Wissensvermittlung über Jahrzehnte hinweg.

Danke, lieber Gerhard Liebig

Als ich mit dem Imkern begann, fiel mir der Name Liebig rasch auf. Ob Liebig-Dispenser oder Liebig-Beute – hinter diesem Namen musste ein Mensch stehen, der Besonderes geleistet hatte. Gerhard Liebig gab der Imkerschaft wissenschaftlich geprüfte Werkzeuge und Methoden in die Hand, die sicher funktionierten. Ebenso wichtig war ihm jedoch, dass sie für die Praxis einfach anwendbar waren.

Dieser Pragmatismus entsprang seiner Leidenschaft für die Imkerei. Gerhard Liebig war kein Forscher im elitären Elfenbeinturm. Bis zuletzt wollte er sicher sein, dass alles, was er theoretisch entwickelte, in der Praxis auch tatsächlich «verhebt». Dabei verliess er sich nie auf Einzelbeobachtungen oder Bauchgefühl. Sein Handeln war geprägt von einem rigorosen Forschungsansatz: standardisierte Untersuchungen an mehreren hundert Bienenvölkern über mehrere Jahre hinweg, ergänzt durch die akribische Erfassung der Volksentwicklung mithilfe der Liebefelder Schätzmethode.

«Wissenschaft muss der Praxis dienen» – dieses Credo prägte sein Wirken. Mit diesem Ansatz trug er wesentlich dazu bei, die existenzielle Krise der Imkerei durch die Varroamilbe in den 1990er-Jahren zu bewältigen. Der von ihm entwickelte Liebig-Dispenser ermöglichte eine einfache, sichere und wirksame Varroabekämpfung auf Basis der Ameisensäurebehandlung.

Neben der Forschung war ihm der direkte Austausch mit der Imkerschaft ein grosses Anliegen. Über Jahrzehnte hinweg hielt er Vorträge und Schulungen im gesamten deutschsprachigen Raum. Er verstand es, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich zu erklären und mit überlieferten Mythen aufzuräumen – provokant, humorvoll und stets praxisnah.

Am 19. Mai 2026 hat sich Gerhard Liebig auf seine letzte Reise begeben – ganz sicher ohne Varroa im Gepäck, aber hoffentlich begleitet vom vertrauten Summen seiner geliebten Bienen.

Danke schön, lieber Gerhard, für all deine grossen Werke und dein Lebenswerk.

Michael Stebler, Betriebsberater

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