Hygiene: vom Bienenvolk bis ins Honigglas

05/26 | Wissenschaft und Praxis
Wissenschaft und Praxis


Zwischen Brutnest, Wabenlager und Honigglas entstehen zahlreiche Schnittstellen, an denen Keime, Parasiten oder Schädlinge übertragen werden können. Worauf müssen wir besonders achten? Der folgende Beitrag zeigt, wie Hygiene im Bienenvolk funktioniert – und wo die Verantwortung der Imkerin und des Imkers beginnt.

Bienen sind Meisterinnen der Hygiene. Der Lebensraum von Bienen und Bienenvölkern ist charakterisiert durch zahlreiche Tiere auf engem Raum, eine geringe Distanz für Krankheitserreger, ein warmes und feuchtes Mikroklima sowie Eiweiss- und Kohlenhydrat-vorräte. Dies stellt ein idealer Lebensraum für Krankheitserreger (z. Bsp. Nosema, Kalkbrut) und Parasiten (Varroa) dar.

Zudem lockt ein Bienenstock vielfältige Mitbewohner wie Schnecken, Speckkäfer, Ohrwürmer oder Ameisen an. Weiter begünstigen suboptimale imkerliche Massnahmen viele Schädlinge und Gegenspieler auf dem Stand und in den Beuten: Viele Bienenvölker an einem Standplatz (Nähe), bodennahe und enge Beutenaufstellung (Verflug), Austausch von Bienen und Waben (Krankheitstransfer), Lagerung und Wiederverwendung von Waben (Schädlinge), keine Selektion (Schwächlinge aufpäppeln). Bleibt da die Hygiene – verstanden als Gesunderhaltung – nicht zwangsläufig auf der Strecke?

Im Bienenstock ist es eng und feucht – ein perfekter Nährboden für Bakterien. Die Bienen haben aber verschiedene Abwehrmechanismen entwickelt, um sich vor Krankheitsausbrüchen zu schützen. Foto: Sarah Grossenbacher
Im Bienenstock ist es eng und feucht – ein perfekter Nährboden für Bakterien. Die Bienen haben aber verschiedene Abwehrmechanismen entwickelt, um sich vor Krankheitsausbrüchen zu schützen. (Foto: Sarah Grossenbacher)

Abwehrmechanismen der Bienen

Gegen die permanente Bedrohung durch die Übertragung von Krankheiten und Parasiten in der dichten Bienengemeinschaft haben Honigbienen soziale Abwehrmechanismen der Krankheitsresistenz entwickelt. Sie reichen von Schwarmtrieb über Hygieneverhalten, Giftstachel, Bienenumsatz, Vorratsschutz, chemischen und anatomischen Barrieren bis hin zum Bienenimmunsystem.

Abwehr durch Verhalten

Das Schwärmen eines Volkes ist neben der Volksvermehrung ein wichtiges Hygieneverhalten. Der Schwarm baut neues Wabenwerk, frei von Krankheitserregern und legt neue Futter- und Pollenvorräte an. Für das Muttervolk hat das Schwärmen einen reinigenden Effekt, denn die junge Schwarmkönigin legt erst Eier, wenn die Mutterbrut geschlüpft ist – Schwärmen und Brutstopp unterbrechen die Vermehrung gewisser Krankheitserreger.

Das Putz- und Reinheitsverhalten der Bienen ist zentral: Fremdkörper, tote Bienen, Gemüll werden entfernt und beschädigte oder tote Brut ausgeräumt und entsorgt. Bienen putzen sich selbst, ihre Artgenossen, reinigen den Wabenkörper, pflegen den ganzen Stock und «bestreichen» ihn täglich mit Propolis (hemmt das Wachstum von Bakterien, Viren und Pilzen) und verwenden dieses auch, um Leichenteile, die nicht entfernt werden können, zu mumifizieren.

Honigbienen koten zudem ausserhalb des Bienenvolkes ab. Sie können ihren Kot sehr lange in ihrer Kotblase halten, wenn nötig gar wochen- oder monatelang. Die Rektaldrüsen wirken mit ihrem Sekret, das das Enzym Katalase enthält, der Zersetzung des Kotblaseninhaltes entgegen.

Der kurze Lebenszyklus der Bienen (v. a. Sommerbienen) führt zwangsläufig zu vielen toten Bienen (15 – 20 kg/Jahr und Volk) und erneuert den Bien. Schlüpfen und Sterben erfolgt fortwährend (Bienenumsatz). Durch die kurze Generationsdauer im Sommer können sich Krankheitserreger mit einer langen Generationsdauer schlecht vermehren. Zum Sterben verlassen die Bienen den Stock und reduzieren so die Infektionsgefahr durch Bienenkadaver im Stock.

Die Wächterinnen schützen mit ihrem Giftstachel und ihrem kräftigen Mundwerkzeug (Mandibeln) die Bienenbeute vor unerwünschten Eindringlingen und fremden, raubenden, vergifteten oder kranken Bienen wird der Zugang verwehrt.

Die Honigeinlagerung erfolgt fluglochfern. Der niedrige Wassergehalt und die zugesetzten Enzyme hemmen das Keimwachstum. Der Wachsdeckel ermöglicht eine geschützte Lagerung vor Verschmutzung und Schädlingen. Der Pollenvorrat (Bienenbrot) besteht aus mit Enzymen angereicherten und in den Zellen fest eingestampften Pollen. Ein feiner Honigüberzug konserviert den Eiweissvorrat.

Chemische und anatomische Barrieren

Antibiotische Substanzen hemmen das Wachstum von Mikroorganismen oder töten sie ab. In der Propolis, aber auch im Honig, in Pollen und im Futtersaft lassen sie sich nachweisen. Das Mandibeldrüsensekret enthält ebenfalls Bakterizide und Fungizide. Mit diesem Sekret werden die Brutzellwände ausgekleidet.

Weiter verfügen die Bienen über anatomische Barrieren wie die Cuticula, die Aussenhaut, welche das Aussenskelett des Insekts bildet und den ganzen Leib inkl. der Facettenaugen überzieht, die Hohlräume des Vorder- und Enddarms sowie die Tracheen auskleidet. Die peritrophische Membran des Mitteldarms schützt die Darmwand vor Verletzungen durch grobe Nahrungspartikel wie Pollen. Der Ventiltrichter trennt die Honigblase vom Mitteldarm und leitet Pollenkörner, Schmutzpartikel, aber auch Krankheitserreger innert Kürze in den Mitteldarm weiter, um sie mit Hilfe von Enzymen zu verdauen. So wird verhindert, dass beim Futteraustausch Krankheitserreger weitergegeben werden. Inhalte aus dem Mitteldarm können nicht in die Honigblasen gelangen.

Immunsystem der Bienen

Das Immunsystem der Bienen wird aktiv, sobald Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze oder Einzeller in die Hämolymphe (Bienenblut) gelangen. Ist ein eingedrungener Erreger als körperfremd identifiziert, wird er durch die Abwehrmechanismen neutralisiert oder beseitigt. Phagozyten (Fresszellen) nehmen kleine Partikel auf und machen sie unschädlich. Grössere Fremdkörper wie etwa Eier und Larven von Parasiten werden von Blutzellen umschlossen und abgekapselt. Durch gleichzeitige Melaninablagerung (Pigmentstoff) und Radikalbildung werden Parasiten wie Einzeller oder Pilzfäden abgetötet. Zusätzlich wirken Eiweisse in der Hämolymphe gegen Bakterien, Pilze und Viren. Im Unterschied zu den Wirbeltieren hat das Immunsystem der Bienen kein Immungedächtnis – die Infektionsabwehr ist bei Erst- und Zweitinfektionen gleich.

Hygiene in der Imkerei

Bienen haben ein eigenes hohes Hygieneverhalten entwickelt, das für ihre Gesunderhaltung und -förderung unabdingbar ist. Komplementär ist eine gute Betriebsweise der Imkerin/des Imkers der zu betreuenden Völker ein entscheidender Faktor, der das natürliche Hygieneverhalten der Bienen unterstützt. Sie betrifft sowohl den persönlichen Umgang der Imkerinnen und Imker mit den Völkern als auch den sachgerechten Einsatz von Material und Werkzeugen (siehe dazu Merkblatt 4. 1. Hygiene im Umgang mit Bienen unter bienen.ch/merkblatt).

Im Interview mit Martina Eichenberger, Suhr, interessiert uns der Stellenwert der Hygiene aus Sicht der Bieneninspektorin: Was trifft sie bei Besuchen vor Ort an? Wie kann sie Einfluss nehmen? Und das Gespräch mit Walter Bieli, Bio-Imker in Oberhof, zeigt praktisch und konkret seine imkerlichen Massnahmen, wie er eine gesundheitsfördernde Bienenvölkerführung unterstützt.

Interview mit Martina Eichenberger

Martina Eichenberger ist seit 2020 Bieneninspektorin im Aargau. Der Kanton ist in 5 Kreise geteilt. Sie ist für den Kreis 2, Aarau-Lenzburg, zuständig.

Wie ist deine Aufgabe definiert?

Mein Tätigkeitsbereich ist sehr vielfältig: Wenn möglich besuche ich Versammlungen der Vereine in meinem Zuständigkeitsbereich. Hier steht das gegenseitige Kennenlernen und ein unverkrampfter Austausch im Fokus. In meinem Verein gestalte ich im Grundkurs die Ausbildungssequenz «Krankheiten und Schädlinge» und führe die Teilnehmenden in die Administration ein. Gewisse Krankheiten sind meldepflichtig. Die Imker:innen sind verpflichtet, mich bei Verdacht zu kontaktieren. Danach besuche ich schnellstmöglich den Stand und schaue die Bienenvölker an. Verdächtige Waben schicke ich ins Labor, um die vermutete Krankheit zu bestätigen. Bei einer Seuche besuche ich alle Imker:innen im Sperrkreis, berate und helfe bei der Sanierung.Möchten beispielsweise Imker:innen in den Kanton Graubünden in die Alpenrosen wandern, kontrolliere ich vorgängig die Völker und stelle bei bester Gesundheit ein Gesundheitszeugnis aus.Weiter erhalte ich jedes Jahr vom kantonalen Veterinärdienst eine Liste mit Betrieben, bei denen ich eine Primärproduktionskontrolle durchführen muss. Mit den Imker:innen vereinbare ich einen Termin und schaue mir die Hygiene an, die Tiergesundheit, die Tierarzneimittel und den Tierverkehr. Stelle ich einen Mangel fest, muss er bereinigt werden.

Wie nimmst du diese Aufgabe wahr – Detektivin oder Unterstützerin?

Es geht ganz klar ums Tierwohl. Die meisten Imker:innen räumen auf, bevor ich komme. Das finde ich super! Grundsätzlich sind die Standbesuche lehrreich, wohlwollend und für beide Seiten eine Bereicherung. Ist etwas nicht in Ordnung, hat man immer die Möglichkeit, den Mangel zu beheben.

Welchen Stellenwert hat darin der Aspekt Hygiene?

Ein grosser Teil des Imkerns besteht aus Putzen und Ordnung halten: Wabenrahmen korrekt lagern, bebrütete Waben zeitnah einschmelzen, Magazine auskratzen und abflammen, Stockmeissel desinfizieren, Im­keranzug waschen oder den Boden vom Bienenhaus reinigen. Im Herbst besorge ich jeweils die Waschwanne vom BGD und rei­nige Jungvolkkästen, Absperrgitter, Futter­kessel, etc. für einen sauberen Start in die Saison.

Welche Massnahmen triffst du für deine eigene Imkerei?

Seit vielen Jahren habe ich meinen eigenen Wachskreislauf und presse die Mittelwände selbst. Wenn ich eine Wabe ins Volk hänge, notiere ich das Jahr auf der Wabe. In meinen Bienenvölkern will ich keine Wabe, die älter als zwei Jahre alt ist. Mit den alten Holzrähmchen mache ich ein Feierabendfeuer.

Was sind für dich Erkennungsmerkmale einer hygienisch einwandfreien Imkerei?

Vor einigen Jahren war ich auf einem Standbesuch. Der Imker wohnte in einem neuen Haus, der Garten vom Gärtner gepflegt. Dann besuchten wir sein Bienenhaus. Es war dunkel und moderig, die Waben in den Völkern rabenschwarz, Mottenkugeln im Wabenschrank, überstellt und schmutzig. Ich habe in der Nacht sogar von den vielen Wachsmotten geträumt, die aus den Waben hüpften! Er selbst hatte es gerne schön sauber, warum mussten dann seine Bienen so wohnen?

Welche Empfehlungen leitest du aus deiner bisherigen Inspektoren-Tätigkeit ab?

Hygiene ist ein zentraler Aspekt der Imkerei. Wir stellen ein hochwertiges Lebensmittel her. Der Honig soll aus einwandfreien Waben von gesunden Bienen kommen. Das Wohl der Tiere ist das Wichtigste. Im Frühling muss man zeitig ins Volk schauen, ob es weiselrichtig ist und genügend Futter hat. Niemand würde eine Kuh verhungern lassen. Aber Bienen sterben leise, wenn sie verhungern. Das darf nicht passieren! Wir möchten Milch trinken, die von einer Kuh stammt, die in einem sauberen Stall wohnt. Das gleiche gilt für unser flüssiges Gold. Jeden Frühling, wenn ich zum ersten Mal die Völker öffne, mache ich das mit Ehrfurcht und bin erfüllt mit Glück über das Wunder, dass den ganzen Winter im Kasten geschlummert hat und mit neuer Kraft erwacht.

Imkern mit neuem Wabenwerk und sauberer Imkerkleidung. Foto: Sarah Grossenbacher
Imkern mit neuem Wabenwerk und sauberer Imkerkleidung. (Foto: Sarah Grossenbacher)

Hygiene und Gesunheitsförderung in der eigenen Imkerei

Wie sich Hygiene und gesundheitsfördernde Völkerführung konkret in der Praxis umsetzen lassen, zeigt das folgende Beispiel von Walter Bieli, Bioimker aus Oberhof. Jede Wabenzelle entspricht einenem Teilbereich seiner Imkerei.

  1. Ich besuche konsequent Weiterbildungsangebote meines Imkervereins und nach Möglichkeit weitere Angebote, studiere die Schweizerische BienenZeitung und die Deutsche Imkerzeitung. Wichtig ist mir der Austausch (Erfolg und Misserfolg) mit Imker­kolleg:innen. Ich schätze die wertvollen Merkblätter vom BGD und schaue Filme im Internet. Zentral ist für mich, meine eigene Imkertätigkeit zu analysieren – kritisch zu hinterfragen, Learnings abzuleiten, neue Entscheide zu treffen und konsequent zu handeln.
  2. Mit Sauberkeit unterstütze ich meine Völker in ihrer gesunden Entwicklung. Das bedeutet für mich: Bienenhaus und alle Beuten sind stets sauber (auskratzen, abflammen und allenfalls nach Krankheit radikal reinigen). Wichtig ist mir, dass kein offenes Beutenmaterial im Freien steht. Ich achte zudem auf saubere Schutzkleidung, die ich regelmässig wasche. Für meine Bienenstände nutze ich das gleiche Paar Handschuhe, denn meine Bienen auf den verschiedenen Ständen sind gesund. Grundsätzlich gilt: verlassene Bienenhäuser müssen aufgeräumt sein!
  3. Keine Waben im Freien! Ich praktiziere einen kontinuierlichen Brutwabenwechsel (max. 3-Jahresintervall) und Honigwaben «schütze» ich vor Brut mit dem Absperrgitter. Die Rahmen der geschleuderten Honigwaben reinige ich und lege sie drei Tage in den Gefrierschrank, bevor ich die geeigneten Honigwaben fürs nächste Jahr lagere. Die Drohnen-Baurahmen schneide ich regelmässig (bis ca. 90%) – ein zügiger Baurahmenausbau spricht für gesunde vitale Völker. Der eigene offene Wachskreislauf liefert mir den Rohstoff für einwandfreie Mittelwände.
  4. Die Unterlage liefert mir wichtige Informationen, die ich festhalte. Es ist relevant, ob ich fünf oder 25 tote Varroamilben bei einem Volk beobachte und wie der Verlauf ist. Das Ausräumverhalten und die Brutentwicklung im Frühjahr sind für mich ein wichtiges Qualitätskriterium und geben mir über den Zustand des Volkes wertvolle Auskunft. Das Erkennen von Bienenkrankheiten ist für mich wichtig – ich achte auf allfällige Anzeichen im Bewusstsein der Krankheitsübertragung.
  5. In der Honigwabe ist der Honig geschützt – nach dem Schleudern ist er externen Faktoren ausgesetzt. Somit sorge ich für brutfreie Honigwaben durch das Absperrgitter. Der Schleuderraum ist staub- und geruchsfrei. Den geschleuderten Honig lagere ich kühl, trocken und dunkel in Chromstahlgefässen und Kunststoffgebinden mit den Lebensmittelsymbol. Ideal wäre eine Lagerung im Gefrierschrank.
  6. Zentral ist eine permanent ausreichende Futterversorgung über das ganze Jahr. Idealerweise sind es der eingetragene Nektar und die gesammelten Pollen. Zusätzlich bei Bedarf setze ich Futtersirup (zzgl. 10% Wasser) auf. Weiter sorge ich dafür, dass jederzeit Wasser zur Verfügung steht: Sauberes Wasser, wobei Bienen sich nicht zu schade sind, sich mit Brackwasser oder am Miststock mit Flüssigkeit einzudecken.
  7. Ich behandle meine Völker direkt nach der Sommertracht zweimal mit Ameisensäure und ab Oktober ein- bis dreimal mit Oxalsäure (sublimieren) abhängig vom Brutzustand. Ich bin der Meinung, dass die Ameisensäurebehandlung über die Jahre für eine Königin belastend und das Bannwabenverfahren für mich aufwändig ist, so strebe ich Alternativen dazu an. Eine Massnahme ist die «natürliche Brutfreiheit», als Brutunterbruch durch Schwärmen, dem Käfigen der Königin oder nach Königinnenverlust oder Volksteilung. Zudem habe ich vier Völker ausgewählt mit dem Ziel, durch gezielte Züchtung eine Varroatoleranz zu erlangen.

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