Gebietsfremde Pflanzenarten bereiten den Weg für invasive Insekten. Dazwischen können Jahrzehnte liegen. Eine Studie der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, der Universität Lausanne und weiterer Institutionen zeigt die Ursachen und Verbreitungswege auf.
Holzbohrende Schädlinge, in Verpackungsholz zum Beispiel, sind oft quasi unsichtbar. Verborgen in Frassgängen überwinden sie mit global gehandeltem Frachtgut grosse geografische Barrieren und gelangen so in neue Ökosysteme, wo sie grossen Schaden verursachen können. Invasive Arten gehören zu den fünf wichtigsten Ursachen für den Verlust von Biodiversität.
«Primär ist, dass der globalisierte Handel den Insekten überhaupt ermöglicht, irgendwo eingeschleppt zu werden. Bei dem riesigen Handelsvolumen ist es gar nicht möglich, in jeden Container reinzuschauen, ob irgendwelche Schädlinge drin sind», konstatiert Eckehard G. Brockerhoff, Leiter der Abteilung für Waldgesundheit und biotische Interaktionen an der WSL und Mitautor einer aktuellen Studie zu gebietsfremden Pflanzen als Vorreiter für invasive Insekten.
In einem Gemeinschaftsprojekt mit Erstautorin Cleo Bertelsmeier, Expertin für invasive Ameisen und Ursachen von Insekteninvasionen am Department für Ökologie und Evolution an der Universität von Lausanne, sowie tschechischen Kollegen untersuchten die Forschenden die Hypothese, dass durch die Verbreitung nichtheimischer Pflanzen die Nahrungsvoraussetzungen für spezialisierte Insekten entstehen und so deren Ausbreitung ausserhalb ihrer Ursprungsgebiete ermöglicht wird.

Fressfeindvakuum
In ihren natürlichen Verbreitungsgebieten haben sich Pflanzen mit einer grossen Zahl von pflanzenfressenden Insekten und anderen Antagonisten entwickelt und aneinander angepasst. Gelangen sie aber in neue Ökosysteme, fehlen sowohl die Gegenspieler als auch Nützlinge wie Bestäuber. Zumindest anfangs. Bei günstigen Umweltbedingungen können sich nichtheimische Pflanzen zunächst in einem komfortablen Vakuum ohne Fressfeinde vermehren. Werden die dazugehörigen Insekten aus der alten Heimat der eingeschleppten Pflanze hinterhergebracht, treffen sie auf ein gedecktes Buffet und das Fressfeindvakuum füllt sich. Doch nicht nur pflanzenfressende Insekten können nachfolgen, sondern auch passende Bestäuber oder Samenverbreiter.
Ganz vorn gehört die Landwirtschaft, die ein Drittel der Landoberfläche der Erde bedeckt, zu den Ursachen für die Veränderung der Florenzusammensetzung auf der Welt. Die meisten landwirtschaftlichen Kulturen sind in ihren Anbauregionen nicht heimisch. Aber auch botanische Gärten und der Zierpflanzenbau tragen zur Eroberung neuer Gebiete durch nichtheimische Pflanzen bei. Insekten reisen hauptsächlich mit dem internationalen Handel und Transport; besonders mit lebenden Pflanzen werden allerhand tierische Passagiere über den ganzen Globus verteilt.
«Es gibt mittlerweile Tausende eingeschleppter Arten. Die meisten sind unscheinbar, weil sie entweder tatsächlich keine Schäden verursachen oder weil die Schäden für uns nicht relevant sind und daher nicht bemerkt werden. Am auffälligsten sind Arten, die Schäden an Nutzpflanzen oder wichtigen Baumarten wie Eschen oder Buchen verursachen. Sehr viele von diesen Schädlingen sind in der Tat eingeschleppt, auch Pflanzenpathogene», sagt Eckehard Brockerhoff. Zum Beispiel beim Ulmensterben, das in Europa und Nordamerika einen Grossteil der Ulmen dahinraffte: In Nordamerika war ein Insekt aus Europa der Vektor für den auslösenden Pilz, der ursprünglich aus Asien stammte.
Schliesslich können auf die fremden pflanzenfressenden Insekten noch ihre spezialisierten parasitischen und räuberischen Gegenspieler aus dem Ursprungsgebiet folgen und diese eingeschleppten Insekten unter Umständen wieder reduzieren – dann aber womöglich heimische Insekten befallen. «Pflanzen können eine ganze Kaskade einleiten, da Insekten, die von solchen Arten leben, sich viel leichter ansiedeln können, wenn sie ihre Wirtspflanzen vorfinden», betont Brockerhoff. Meist betrifft das Insektenarten, die mehr oder weniger auf eine Art, Gattung oder Familie als Wirt spezialisiert sind.
Diese Zusammenhänge haben Cleo Bertelsmeier, Eckehard Brockerhoff und ihre Kollegen aus Tschechien in ihrer Studie näher angeschaut und für ihre Annahme viele Belege gefunden. «Es geht also nicht nur um die Pflanzen an sich, sondern auch um all die anderen Organismen, die an diesen Pflanzen hängen und denen es ermöglicht wird, Fuss zu fassen», fasst Brockerhoff zusammen.
Invasions-Zusammenbruch durch die Robinie im Tessin
Eine solche Kaskade kann schliesslich zu einem sogenannten invasiven Zusammenbruch führen, wenn ein Ökosystem sich durch eingeschleppte Arten so gravierend verändert, dass es nicht mehr zu seinem ursprünglichen Zustand zurückfindet. Ein Beispiel dafür ist die Robinie im Tessin. Aus Nordamerika stammend gilt die Robinie als Schadorganismus, da sie sich immer weiter ausbreitet und das Nachwachsen einheimischer Baumarten verringern kann. «Das können wir live beobachten. Im Tessin gibt es eine ganze Reihe eingeschleppter Baumarten: Robinie, Götterbaum, Hanfpalme. Diese breiten sich immer mehr aus, auch wegen des Wilddrucks durch heimische Rehe, Hirsche und so weiter, die die einheimischen Sämlinge bevorzugen und weniger die Sämlinge dieser eingeschleppten Bäume fressen. Wenn es zum Beispiel einen Erdrutsch, einen Brand oder auch Fällungen gibt, kommen danach oftmals hauptsächlich diese gebietsfremden Sämlinge hoch, da sie vom Wild geschont werden. Hinzu kommt, dass manche eingeschleppten Insekten die heimischen Bäume mehr schädigen als die gebietsfremden», erklärt Brockerhoff. Die Esskastanie, die ursprünglich vor 2000 Jahren von den Römern ins Tessin gebracht wurde und längst als heimisch gilt, wird nun durch die aus Asien eingeschleppte Kastaniengallwespe durch massive Gallenbildung an den Blättern stark dezimiert. Durch die nur noch schütteren Kronen gelangt sehr viel Licht auf den Boden und zusammen mit dem Wilddruck werden wiederum die eingeschleppten Baumarten gefördert. Hinzu kommen etwa acht eingeschleppte Insektenarten auf der Robinie, die potenziell auch verwandte einheimische Bäume befallen können. «Ich glaube, was da im Moment passiert, das könnte man schon fast als ‹Invasions-Zusammenbruch› bezeichnen», sagt Brockerhoff.

Zwischen der Ankunft einer gebietsfremden Pflanze und der Invasion der dazugehörigen Insekten kann jedoch viel Zeit vergehen. Zuerst braucht die Pflanze Zeit, sich zu etablieren und auszubreiten. Und auch wenn gleich anfangs Insekten mitgeschleppt wurden, sind diese zunächst oft so selten oder unauffällig, dass es Jahre oder sogar mehrere Jahrzehnte dauert, bis sie sich so weit vermehrt haben, dass es irgendjemandem auffällt, weil sich die Auswirkungen zu einem sichtbaren Problem anhäufen.
«Stinkwanzen» und der Götterbaum
Ein weiterer gut dokumentierter Fall, wie eine invasive Pflanzenart den Boden für ein Insekt bereitet, sind Götterbaum (Ailanthus altissima) und Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys). Ursprünglich aus China und Nordvietnam stammend kommt der Götterbaum als schnellwachsende Pionierbaumart mit seinem schönen gefiederten Laub heute auf allen Kontinenten in den gemässigten Breiten vor. Er verbreitet sich rasant durch zahllose geflügelte Samen und Wurzelausläufer, besonders auch in gestörten Ökosystemen wie menschlichen Siedlungen, wo er mancherorts aus jeder Mauerritze spriesst und kaum zu bekämpfen ist. Mit der Zeit folgten ihm aus der ostasiatischen Heimat einige seiner Schädlinge, so die Marmorierte Baumwanze und der Götterbaum-Spinner (Samia cynthia). Während der Letztere zur Seidenproduktion in verschiedene Weltregionen eingeführt wurde und dann in Freiheit gelangte, kam die Marmorierte Baumwanze als blinder Passagier mit Frachtschiffen in die weite Welt, wo sie sich in Städten und Dörfern als Plage erweist. Nicht umsonst wird die Marmorierte Baumwanze auch einfach «Stinkwanze» genannt, da sie sich im Herbst in warme Wohnungen einquartiert und bei Gefahr ein unangenehm riechendes Sekret absondert. Zudem frisst diese Wanze nicht nur am Götterbaum, sondern gerne auch an Ahorn, Weinreben und allen möglichen Obstbaumarten der Gattung Prunus wie Kirschen, Aprikosen und Pflaumen, wo sie ein schwer zu bekämpfender Schädling ist. Im Gefolge der Stinkwanze konnte sich in jüngerer Zeit mit der Samuraiwespe (Trissolcus japonicus) auch einer ihrer Parasiten etablieren. Genauer gesagt, wurde diese Darwinwespenart 2007 nach Nordamerika eingeführt, um dort die Stinkwanze zu bekämpfen. Wenig später stellte man jedoch fest, dass sie schon längst vorher eingetroffen war. Auch in Europa hat sie sich dank der reichlich vorkommenden Stinkwanzen verbreitet und wird nun als Rettung für den Obstbau vor der Marmorierten Baumwanze gehandelt.


Handel mit lebenden Pflanzen als Einfallstor
Wie sieht es nun mit der Bekämpfung invasiver oder potenziell invasiver Arten aus? Findet eine wirksame Bekämpfung statt? «Es ist sehr schwierig, den globalen Handel ohne dieses Risiko der Einschleppung zu betreiben», sagt Brockerhoff. Die holzbohrenden Schädlinge in Verpackungsholz seien hier aber ein gutes Beispiel, bei dem es effektiv funktioniere. Nach dem Auftauchen des Asiatischen Laubholzbockes in New York 1996 und später auch in Europa fand man schnell heraus, dass er mit dem Verpackungsholz reiste – fast jeder zweite Container enthält Paletten oder Holzkisten. Zur Bekämpfung wurde ein internationaler Standard eingeführt, der eine Wärmebehandlung oder Begasung für Verpackungsholz vorschreibt. «Diese Erhitzung ist eine effektive Methode und man sieht eindeutig in Untersuchungen, dass lebende Schadorganismen in solchem Holz stark abgenommen haben», berichtet Brockerhoff.
Ein ganz wesentliches und noch nicht ausreichend reguliertes Einfallstor für Insekten und andere Organismen ist der Import von immer mehr lebenden Zier- und Nutzpflanzen aus anderen Ländern und Erdteilen, wo die Produktion billiger ist. Erhitzung des Frachtgutes wie beim Verpackungsholz kommt bei lebenden Pflanzen natürlich nicht infrage. «Im Grunde genommen sollte solcher Handel daher gar nicht stattfinden. Es ist eigentlich kriminell», bringt es Brockerhoff auf den Punkt. Denn für den Schaden und die Tilgungsmassnahmen muss meist die Allgemeinheit aufkommen. Folge ist beispielsweise auch ein vermehrter Einsatz von Pestiziden oder schlimmstenfalls der Ausfall einer Art, wie beim berüchtigten Kartoffelhunger in Irland.
Bisher versucht man hauptsächlich, die Einfuhr neuer Insektenarten zu verhindern. Bertelsmeier, Brockerhoff und Kollegen warnen jedoch, dass auch der Handel mit lebenden, nichtheimischen Pflanzen eingeschränkt werden sollte, um die Einschleppung invasiver Insekten zu begrenzen. Die Bekämpfung unerwünschter gebietsfremder Pflanzen würde nicht nur den direkten Schaden durch die Pflanzen verringern, sondern auch das Risiko für die Etablierung der ihnen nachfolgenden Schädlinge senken.

Literatur
Bertelsmeier, C., Bonnamour, A., Brockerhoff, E. G., Pyšek, P., Skuhrovec, J., Richardson, D. M., & Liebhold, A. M. (2024). Global proliferation of nonnative plants is a major driver of insect invasions. BioScience. https://doi.org/10.1093/biosci/biae088