Interview: «Alle müssen am gleichen Strang ziehen»

07/26 | 0
Natur und Wildbienen

Katrin Luder ist Biologin und im Naturschutz tätig. Durch ihre berufliche Arbeit mit invasiven Neophyten kennt sie die damit verbundenen Herausforderungen aus erster Hand.

Als Teil deiner Tätigkeit im Naturschutz bist du viel am Jäten von invasiven Neophyten. Nun zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie der ZHAW, dass das Einjährige Berufkraut aber keinen negativen Effekt auf Schweizer Wiesen hat – weder auf die Artenzahl noch auf die Zusammensetzung. Alles also halb so schlimm?

Das ganze Setting der Studie ist etwas fragwürdig: Es wurden nur zehn Flächen untersucht, alle in der Umgebung von Zürich. Diese sind alle im Siedlungsraum, meistens verkehrsbegleitend und entsprechen somit keinen grossen, natürlichen Ökosystemen. Wenn das Autorenteam also im Titel von «Schweizer Wiesen» spricht, ist das irreführend, da nur ein Ökotyp angeschaut wurde – einer, der stark durch den Menschen beeinflusst wurde. Würde man diese Studie mit Futter- oder Trockenwiesen durchführen, sähen die Resultate sicherlich ganz anders aus. Nachforschungen konnten sogar zeigen, dass auf den untersuchten Flächen das Einjährige Berufkraut ausgejätet wurde. Somit zeigt die Studie eigentlich eher, dass sich die Bekämpfung für die Biodiversität lohnt.

Oft wird gesagt, dass die Natur einfach Zeit braucht, bis sich ein Gleichgewicht herstellt und Fressfeinde die neuartigen Pflanzen für sich entdecken. Wie siehst du das?

Ja, theoretisch ist das möglich. Das Problem ist aber die Geschwindigkeit, mit der wir neue Arten in die Schweiz bringen. Das geht der Natur zu schnell. Die Evolution dauert meist mehrere Generationen, weshalb sie mit der aktuellen Geschwindigkeit nicht Schritt halten kann.

Machen Bund, Gemeinden und Kantone zu wenig?

Diese Frage kann ich nicht pauschal mit ja oder nein beantworten. Es gibt Orte, da wird sicher genug gemacht, an anderen Orten hingegen zu wenig. Gerade im Verkauf müsste man vorsichtiger sein und auch in Privatgärten könnte mehr gemacht werden. Auch im Wald gibt es noch grosse Hürden: Wälder sind häufig Quellen für viele invasive Neophyten. Es gibt aber auch Landwirt:innen, die zu wenig machen. Teilweise jäten wir in Naturschutzgebieten das Einjährige Berufkraut aus, während nebenan auf dem Acker eine Berufkraut-Monokultur wächst. Das grösste Problem: Jeder macht ein bisschen etwas. Dazu kommt der Kantönligeist. Wir ziehen aber nicht am gleichen Strang!

Was braucht es zusätzlich?

Es wäre optimal, wenn alle am gleichen Strang ziehen, sowohl Private als auch Gemeinden, Forst, Bahn, Grundstückbesitzer von Bauflächen etc. Wichtig ist auch die Früherkennung von neuen Arten. Teilweise werden auch Alternativen zu den invasiven Pflanzen empfohlen, die in Zukunft aber auch problematisch werden können: beispielsweise der Portugiesische Kirschlorbeer. Es ist gut möglich, dass sich dieser in zehn Jahren auch hier natürlich vermehren wird. Wichtig ist deshalb, auf Einheimisches zu setzen und weniger Neophyten zu importieren.

An den Bahngleisen entlang und in Bau­brachen wuchern die Kanadische Goldrute und Co. ungestört und samen fleissig ab. Das Ganze scheint kaum managebar zu sein: Haben wir den Kampf nicht schon längst verloren?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Die Arten werden wir nicht mehr los – das ist Fakt. Aber wie schnell lassen wir es ausarten? Wenn wir jetzt nichts machen, gibt es einen extremen Schaden an unserer Natur und der Biodiversität, den wir nicht so schnell wieder rückgängig machen können. Somit ist es wichtig, dass wir jetzt handeln, die invasiven Neophyten im Zaum halten und wir möglichst wenig einheimische Arten verlieren. Das gibt der Natur Zeit, sich an die Neophyten zu gewöhnen. So kann sie sich hoffentlich in Zukunft selbst dagegen wehren.

Die Kanadische Goldrute und das Drüsige Springkraut gehören zu den invasiven Neophyten. Obwohl sie Generalisten wie Honigbienen und Hummeln als Nahrungsquelle dienen können, beeinträchtigen sie die Biodiversität, indem sie heimische Pflanzenarten verdrängen. Foto: Amalia Gruber, Adobe Stock
Die Kanadische Goldrute und das Drüsige Springkraut gehören zu den invasiven Neophyten. Obwohl sie Generalisten wie Honigbienen und Hummeln als Nahrungsquelle dienen können, beeinträchtigen sie die Biodiversität, indem sie heimische Pflanzenarten verdrängen. Foto: Amalia Gruber, Adobe Stock

Einige invasive Pflanzen sind besonders hartnäckig. Allen voran der Japanische Staudenknöterich oder die Robinie. Wie geht ihr dagegen vor?

Das sind Arten, die tatsächlich sehr hartnäckig sind. Da muss man oft mehrmals ran. Den Japanischen Staudenknöterich habe ich zum Glück auf meiner Arbeit erst einmal in einer Deponie bekämpfen müssen. Dort konnten wir aber einfach mit dem Bagger die Zone ausheben. Bei der Robinie ist «Ringeln» angesagt. Dabei schält man die äusserste Rindenschicht kreisrund ab. So tötet man den Baum zwar nicht direkt, sondern schwächt ihn einfach.

Welche Pflanzen sollten aus deiner Sicht auch noch im Verkauf verboten werden?

Da ich nicht so oft in Gartencentern unterwegs bin, weiss ich nicht, was da aktuell alles verkauft wird. Gerade bei den Gräsern müsste man vorsichtig sein, Bambus ist natürlich auch immer ein Thema. Viele der problematischen Arten wurden nun verboten, was schon mal gut ist. Wichtig: Viele invasive Pflanzen werden aber nicht nur über den Verkauf eingeschleppt, sondern über andere Verkehrswege.

Wann gilt eine Pflanze als invasiv?
Ob eine gebietsfremde Pflanzenart in der Schweiz als invasiv eingestuft wird, beurteilt InfoFlora in einem standardisierten Verfahren. Dabei wird geprüft, ob sich die Art dauerhaft etablieren und stark ausbreiten kann und welche Schäden sie verursacht. Berücksichtigt werden Auswirkungen auf die Biodiversität, die Wirtschaft sowie die menschliche Gesundheit. Die Einstufung stützt sich auf wissenschaftliche Studien und dokumentierte Beobachtungen aus der Praxis.

Mehr dazu: https://www.infoflora.ch/de/neophyten

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