Resistenzzucht in der Schweiz

10/26 | Wissenschaft und Praxis
Niels Michel, Präsident Schweizerische Carnicaimker-Vereinigung SCIV (niels.michel@bienen-michel.ch)


Varroaresistente Bienenvölker sind nicht ohne konsequente Selektion und systematisch betriebene Zuchtarbeit zu haben. In der Schweiz sind zwei Zuchtorganisationen auf diesem Gebiet tätig. Wie gehen sie vor und was sind die Herausforderungen?

Der Buckfastimkerverband Schweiz beschloss im Jahr 2017, sich aktiv am VSH-Projekt der Gemeinschaft der europäischen Buckfast­imker e. V. (GdeB) zu beteiligen. Dies mit dem Ziel, in Zukunft möglichst ganz oder zumindest teilweise auf den Einsatz von Medikamenten gegen den Befall durch die Varroamilbe zu verzichten. Starthilfe erhielten die Schweizer Buckfastimker vom bayerischen Landesverband, der ihnen damals geeignetes Zucht­material zur Verfügung stellte. Mittlerweile wird das Projekt von verschiedenen regionalen Zuchtgruppen intensiv weiterentwickelt.

Die Schweizerische Carnicaimker-Vereinigung hat im Jahr 2020 eine Resistenzzuchtgruppe gegründet. In den ersten drei Jahren wurde diese Gruppe durch Guillaume Misslin, damals noch Projektleiter bei Arista Bee Research (NL), beraten und auf ihrem Weg begleitet. Im Frühling 2024 wurde das Projekt «Varroaresistenz 2033» offiziell lanciert und die SCIV hat sich der europäischen Bewegung angeschlossen. 

Bausteine des Zuchtprogramms

Grundlage und Leitfaden für unsere züchte­rischen Bestrebungen ist das sogenannte «VSH-Zuchtschema», das unsere Resistenzzuchtgruppe erarbeitet hat. Dabei handelt es sich um einen Prozessablauf für ein Zuchtprogramm über drei Bienengenerationen, das in der F2-Generation einen Inzuchtschritt, nämlich eine Tante-Neffe-Verpaarung, vorsieht. Zentrale Bausteine dieses Programms sind:

  • Selektion von vorgeprüften Zuchtmüttern für die Nachzucht: Voraussetzungen hierfür sind exzellente Ergebnisse beim Pin-Test normaler Prüfvölker oder Töchter von herausragenden Königinnen aus dem bestehenden Resistenzzuchtprogramm.
  • Bereitstellung von geeigneten Drohnenvölkern: Wann immer möglich aus eigenem Bestand; punktuell auch die Beschaffung von ausgewähltem Sperma fremder Herkunft.
  • Besamungstätigkeit: Die Aus- und Weiterbildung von Besamenden aus der eigenen Mitgliederbasis sowie die Ein-Drohn-Besamung von Königinnengeschwistern ausgewählter Abstammung.
  • Beschaffung von vitalen Varroamilben und das Infizieren von Kleinvölkern eindrohnbesamter Königinnen mit 100 Milben.
  • Standardisiertes Auszählen der Brut auf varroasensitives Hygieneverhalten sowie die Berechnung entsprechender VSH-Werte (vgl. Kasten «Q[D]W-Werte nach Dr. John Harbo» auf folgender Seite).
  • Frühzeitiges Einleiten von Nachzuchten erfolgversprechender Kandidatinnen aus dem Zuchtprogramm.

Kernelement ist die VSH-Datenbank, die wir aufgebaut haben und zentral führen. Darin finden sich sämtliche Königinnen des Zuchtprogramms, deren Abstammung und An­paarung. Ebenfalls dokumentiert sind die Ergeb­nisse aus der Stichprobenauszählung infizierter Testvölker mit Varroamilben sowie die berechneten VSH-Werte der Königinnen.

Die Ausbildung von Besamenden aus unseren eigenen Reihen markierte einen Meilenstein im Projekt «Varroaresistenz 2033». Foto: Stephanie Bürgy
Die Ausbildung von Besamenden aus unseren eigenen Reihen markierte einen Meilenstein im Projekt «Varroaresistenz 2033». (Foto: Stephanie Bürgy)

Herausforderungen und Stolpersteine

Varroasensitives Hygieneverhalten (VSH) bei der Honigbiene ist genetisch hochkomplex. Bei VSH handelt es sich bekanntermassen nicht um ein einzelnes Gen, das einfach «an- oder ausgeschaltet» ist, sondern um ein polygenes Merkmal – also ein Zusammenspiel verschiedener genetischer Faktoren. Involviert sind insbesondere Gene für Geruch, Motorik und soziale Interaktion. Da VSH überdies rezessiv vererbt wird, kommt erschwerend hinzu, dass beide Eltern (Königin und Drohn) die entsprechenden Gen-Varianten (Allele) tragen müssen, damit das Verhalten bei einer Arbeiterin voll ausgeprägt wird. Da sich eine Königin natürlicherweise mit 15 bis 20 Drohnen paart, ist das VSH-Verhalten in einem «normalen» Volk oft stark verdünnt, wenn nicht gezielt auf diese Gene selektiert wurde. Selbst bei gezielter Zucht ist ein grosses Mengengerüst an (Zucht-)Material notwendig, um die sprichwörtlichen Nadeln im Heuhaufen zu finden und VSH-Gene in einer Zuchtlinie zu festigen.

Neben der intensiven Zuchtarbeit fallen diverse planerische, organisatorische und kommunikative Aufgaben an, die zeitgerecht zu koordinieren und zu erledigen sind. Hierzu gehören nicht nur die benötigten Lokalitäten, Gerätschaften und Ausrüstungen, sondern auch ein Aus- und Weiterbildungsprogramm, das auf die züchterischen Aktivitäten abgestimmt ist. Über die Jahre haben wir uns ein Grundgerüst erarbeitet, das wir flexibel auf besondere Bedürfnisse anpassen können. Externe Fachleute können wir in Schulungsbelangen immer häufiger durch Erfahrungs- und Leistungsträger aus den eigenen Reihen ersetzen. 

Nach jedem Anlass erstellen wir ein sogenanntes «Lessons learned», einen kurzen Erfahrungsbericht, welcher dem kontinuierlichen Lernprozess und der Weitergabe von Praxiswissen dienen soll. In einem solchen Bericht führen wir relevante Kennzahlen auf und beantworten stichwortartig folgende Fragen: Was ist gut gelaufen? Was schlecht? Was können wir für künftige Anlässe daraus lernen? Welche zusätzlichen Erkenntnisse und Erfahrungen haben wir gewonnen?

Grafik: Niels Michel

Lessons learned und Ausblick

Seit wir uns mit der Resistenzzucht befassen und uns dafür engagieren, konnten wir uns sowohl national als auch grenzübergreifend besser vernetzen. Diese Vernetzung ist nicht nur auf Verbandsebene, sondern auch auf Ebene der einzelnen Züchtenden eine Bereicherung; sie motiviert, verbindet und schweisst zusammen. Wir mussten lernen, Transparenz zu schaffen – sowohl in Bezug auf die Ablaufschritte eines einheitlichen Zuchtprogramms als auch in Bezug auf die Bewertung von VSH. Um die Resistenzzucht mit ihren facettenreichen Aktivitäten, der Beschaffung zusätzlicher Ausrüstung und Gerät­schaften sowie den begleitenden Ausbildungsprogrammen mittel- bis langfristig sicherzustellen, benötigten wir darüber hinaus einen Mittelbeschaffungsprozess sowie ein Projektmarketing. Einerseits haben unsere Mitgliederbeiträge für die geplanten Aktivitäten nicht ausgereicht, andererseits wollten wir nicht, dass die dafür notwendigen Mittel mittel- bis langfristig alleine durch die Beteiligten selbst getragen werden müssen. Die reine Resistenzzucht ist für uns als Zuchtverbände zwar ein zentrales Anliegen. Dennoch ist uns bewusst, dass diese wohl lediglich die Speerspitze aktiv Züchtender betrifft und aktivieren kann. Um an die breite Basis der Imkerschaft zu gelangen, benötigen wir darüber hinaus weitere Zugänge zum Thema Resistenzzucht, die niedrigere Einstiegs­hürden bieten und breiter zu mobilisieren vermögen, zum Beispiel die Basiszucht oder die Anwendung biotechnischer Massnahmen zum Varroamanagement unserer Völker. Die Verbreitung von geprüftem Zuchtmaterial über unsere Belegstellen gehört ebenso dazu – beispielsweise in Form einer etablierten VSH-Belegstelle. In naher Zukunft wird wohl auch die Nutzung der genomischen Zuchtwertschätzung sowie die markergestützte Selektion Eingang in die Resistenzzuchtarbeit finden. 

Selbst wenn wir mit der Resistenzzucht einen Weg eingeschlagen haben, der viel Zeit, Aufwand und Herzblut fordert, so verlieren wir unser ursprüngliches Ziel nicht aus den Augen: Wir wollen weg von den Medikamenten und hin zur Führung unserer Bienenvölker ohne den Einsatz organischer Säuren.

Das Auszählen von Varroamilben in Brutwaben infizierter Testvölker ist aufwendig, bietet Interessierten aber auch einen spannenden Einblick und möglichen Einstieg in die Resistenzzucht. Foto: Stephanie Bürgy
Das Auszählen von Varroamilben in Brutwaben infizierter Testvölker ist aufwendig, bietet Interessierten aber auch einen spannenden Einblick und möglichen Einstieg in die Resistenzzucht. (Foto: Stephanie Bürgy)

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