Mit einem letzten Text über eine unterschätzte Gruppe von Trachtpflanzen verabschiede ich mich nach zweieinhalb Jahren als Autor dieser Serie. Es war mir eine Freude und eine Ehre, an dieser Stelle Einblicke in die Pflanzenökologie geben zu dürfen – aber es ist Zeit, dass ich mich anderen Umweltthemen widme. Tauchen Sie noch einmal mit mir ein in ein verstecktes Beziehungsnetz aus Wildbienen und Blüten, an dem wir alle tagtäglich vorbeigehen.
Es ist ein altbekanntes Erlebnis im Leben aller, die sich Blumen gerne von Nahem anschauen: Wir finden eine Blume, die so ähnlich aussieht wie ein Löwenzahn – aber sie ist kein Löwenzahn. Sie trägt ein meist leuchtend gelbes Blütenkörbchen, dessen Zungenblüten in alle Richtungen abstehen. Die reifen Samen lassen sich einen langen Stiel mit einem Fallschirm wachsen und bilden für einen kurzen Moment das filigrane Kunstwerk namens Pusteblume, bevor sie sich in alle Winde zerstreuen. Diese Blütenform ist offensichtlich eine erfolgreiche Überlebensstrategie. In der Gruppe der Habichtskrautartigen (Asteraceae: Cichorioideae) weichen nur wenige davon ab. Wenn Sie in der Schweiz so ein gelbes Blütenkörbchen finden, können über hundert Arten aus einem guten Dutzend Gattungen dahinterstecken, mit klingenden und auffallend oft tierischen Namen wie Habichtskraut (Hieracium), Gänsedistel (Sonchus) oder Lämmersalat (Armoseris). Keine Angst, ich werde sie hier nicht alle aufzählen, und Sie müssen sie auch nicht im Feld voneinander unterscheiden können – was je nach Gattung selbst für erfahrene Botanikerinnen noch eine Herausforderung sein kann.

Häufige Pflanzen, seltene Bienen
Der Grund, warum ich meinen letzten Text in dieser Serie ausgerechnet diesen Pflanzen widme, ist ihre herausragende Bedeutung für die Wildbienenwelt. Unter den Habichtskrautartigen finden sich einige der meistbesuchten Nektar- und Pollenquellen und generell einige der häufigsten Wiesenblumen der Schweiz. Die Pollen von Wiesen-Löwenzahn (Taraxacum officinale aggr.), Bitterkraut (Picris hieracioides), Wegwarte (Cichorium intybus), Gemeinem Ferkelkraut (Hypochaeris radicata) und Herbst-Milchkraut (Leontodon autumnalis) wurden schon an je 30–70 verschiedenen Wildbienenarten festgestellt. Darunter sind viele, die ihren Pollen nur an Korbblütlern sammeln. Die Gewöhnliche Löcherbiene (Heriades truncorum) beispielsweise, die in fast jedem Garten vorkommt und sich gut mit kleinen Röhrchen-Nisthilfen fördern lässt. Ein knappes Dutzend Bienenarten ist nochmals stärker auf Habichtskrautartige spezialisiert. Einige von ihnen sind noch recht häufig zu beobachten, wie die Sandbienen Andrena fulvago und A. humilis, in höheren Lagen auch die Grosse Zottelbiene (Panurgus banksianus). Andere sind bedroht oder haben stark abgenommen, obwohl ihre Lieblingsblüten kaum häufiger sein könnten. Wie kommt das?
Nehmen wir die Zwerg-Glanzbiene (Dufourea minuta): Sie kommt im Walliser Rhonetal und im Bündner Rheintal noch vor, aber in mehreren anderen Talschaften, die sie früher bewohnte, wurde sie schon länger nicht mehr gesehen. Sie fliegt recht spät im Jahr, von Juli bis Anfang September, und sie braucht über ihre ganze Saison hinweg grosse Bestände von Habichtskrautartigen. In der traditionellen Kulturlandschaft fand sie diese problemlos. Irgendwo im nahen Umkreis fand sich immer eine Wiese, die noch nicht gemäht war, oder eine Weide, die nicht komplett abgeweidet wurde. Und an vielen Säumen und Waldrändern blieb die Vegetation generell stehen – nicht, weil es niemanden störte, sondern weil das Mähen von Hand so aufwändig war. Mit dem heutigen Mähgerät hat sich das radikal geändert. Vielerorts gibt es gar keine grösseren Flächen mehr, die bis im Herbst ungemäht bleiben. Genauso wie der Zwerg-Glanzbiene geht es der Glänzenden Sandbiene (Andrena polita), die sich ausserhalb der Alpentäler auch an wenigen Stellen am Jurasüdfuss und im Norden des Kantons Zürich halten konnte, und der Wegwarten-Hosenbiene (Dasypoda hirtipes), die neben dem Wallis auch im Tessin und zerstreut am Jurasüdfuss vorkommt. Und die Kleine Zottelbiene (Panurgus dentipes) stellt zwar weniger hohe Ansprüche ans Klima, dafür ist sie stark von einer einzelnen Pflanzenart abhängig, dem Bitterkraut (Picris hieracioides).
Zwei weitere Sandbienenarten fliegen deutlich früher und kommen nur an Wärmestandorten vor. Andrena hesperia lebt in einem kleinen Gebiet im Jura, A. rhenana in zwei kleinen Vorkommen rund um Basel und Genf. Sie sammeln beide vor allem an grossen, sonnigen Beständen von Habichtskrautartigen und nisten in mageren Böden. Orte, wo beides nahe genug beieinander liegt, finden sie immer weniger. Ihre Flugzeit fällt zwar mit der Blüte der intensiv bewirtschafteten Löwenzahnwiesen zusammen, die in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen haben. Diese Nahrungsgrundlage können sie aber kaum nutzen, weil in solchen stark gedüngten Umgebungen Nistplätze fehlen. Zudem werden Löwenzahnwiesen oft schon während der Flugzeit der Sandbienen das erste Mal gemäht. Den beiden Schmalbienen Lasioglossum brevicorne und L. tarsatum geht es ähnlich – nur dass sie zusätzlich auf sandige Böden spezialisiert sind, die sie hierzulande nur an wenigen Stellen finden. Und da ihre Flugzeit deutlich länger dauert, brauchen sie eine Kombination aus verschiedenen Frühlings- und Sommerblühern, um immer genug Pollen zu finden.


Trachtlücken auffüllen
Wie immer, wenn wir einen genaueren Blick auf das Leben und die Herausforderungen gefährdeter Wildbienenarten werfen, werden die Lösungen klar sichtbar. In unserer heutigen, intensiv bewirtschafteten Landschaft blühen zwar zeitweise massenhaft Habichtskrautartige wie Löwenzahn und Ferkelkraut, aber das Angebot ist nicht mehr lückenlos vorhanden und oft zu weit weg von geeigneten Nistplätzen. Wie füllen wir also die Lücken, und wie schaffen wir ein dichteres Netz an Nistplätzen?
Wer einen Bauernhof bewirtschaftet, muss für den früh fliegenden Teil dieser Wildbienenfauna nicht einmal unbedingt auf intensiv genutzte Wiesen verzichten. Vielen Arten, die gerne an Löwenzahn sammeln, wäre schon geholfen, wenn auf kleineren Parzellen gearbeitet würde. Was heute eine einzelne grosse Nutzwiese ist und fünfmal im Jahr vollständig gemäht wird, könnte nächstes Jahr doppelt so oft, dafür immer nur streifenweise zur Hälfte abgemäht werden. So werden die Lücken im Blütenangebot kürzer, auch für andere Bestäuber wie die Hahnenfuss-Scherenbiene (Chelostoma florisomne). Diese Art der Bewirtschaftung hat auch betriebliche Vorteile: Schrittweise gemähte Wiesen trocknen im Sommer weniger stark aus, sie sind resilienter gegen Ausfälle durch Hitze, Hagel oder trampelndes Wild, und die Mähtage lassen sich besser übers Jahr verteilen, was vor allem in Regionen mit häufigen Regenfällen von Vorteil ist.

Ein grosses Angebot an Nistplätzen in der Nähe lässt sich ebenfalls problemlos und günstig schaffen. Zum Beispiel, indem die Randstreifen der Wege und Strassen, die an Wiesen entlangführen, mit Schlämmsand angelegt werden statt wie üblich mit Mergel oder Kiessplitt. Schlämmsand ist das Sand-Lehm-Gemisch, das bei der Kieswäsche übrigbleibt, und ist bei Kiesgruben meist nochmals günstiger erhältlich als gewaschener Kies.
Wenn Ihr Garten in der Nähe von löwenzahnreichen Wiesen liegt, können Sie die frühe Bienenfauna mit etwas später blühenden Verwandten fördern – und mit einem einfachen und schmackhaften Trick: Statt allen Löwenzahn schon möglichst früh auszustechen, ernten Sie Ende März erst die jungen Blätter und nutzen sie in der Küche für Salate, Suppen oder Pasteten. So blüht der Löwenzahn verspätet und erreicht seine volle Pracht genau dann, wenn die Wiesen rundherum gemäht werden. Am Ende seiner Blüte stechen Sie ihn aus und profitieren von seinen saftigen Wurzeln, die sich wie Pastinaken verwenden lassen.

Späte Arten: Opfer einer verfehlten Politik
Mehr Effort benötigen die später fliegenden Wildbienen. Einige von ihnen lassen sich gut im Garten fördern, mit kleinen Beständen von lang blühenden Habichtskrautartigen – Tipps dazu finden Sie im Kastentext. Aber gerade die gefährdeten Arten benötigen grosse, selten gemähte und kaum gedüngte Lebensräume wie Wald- und Heckensäume, Magerwiesen, Buntbrachen, lichte Föhrenwälder oder Bahnböschungen, an denen sich grosse Bestände von Wegwarten, Bitterkraut oder späten Habichts- und Milchkräutern bilden können. Von diesen Lebensräumen ist in unserer Landschaft kaum mehr etwas übrig.
Wenn Sie die Ressourcen haben, um eine grössere Magerwiese im Garten oder ein begrüntes Flachdach mit 15-20 cm Bodengrund anzulegen, dann kann ich Ihnen dies nur wärmstens empfehlen. Aber nur ein kleiner Teil von uns hat das Glück, ein grösseres Stück Land zu besitzen. Wir brauchen vor allem gesellschaftliche Massnahmen, damit diese extensiv bewirtschafteten Lebensräume und die Tiere, die von ihnen abhängen, ihr Comeback schaffen. Und hier geht der Trend momentan vollkommen in die falsche Richtung: Die Mindestquote von 3.5 % Biodiversitätsflächen im Ackerland, Teil des indirekten Gegenvorschlags zur Biodiversitäts-Initiative, wäre ein guter Schritt gewesen. Die rechte Mehrheit im Ständerat hat sie aber letztes Jahr gekippt, bevor sie in Kraft treten konnte. Und die naturnahe Pflege der Bahnböschungen, die sich in den letzten Jahren verbessert hatte, wurde im Rahmen der neusten Sparprogramme auch wieder zusammengekürzt. Nochmals stärker zusammengestrichen wurde das Budget für die Pflege der Lebensräume von nationaler Bedeutung, das schon vorher viel zu klein war. Davon sind auch die meisten der Trockenstandorte betroffen, auf denen die letzten Zwerg-Glanzbienen, Wegwarten-Hosenbienen und Kleinen Zottelbienen noch vorkommen. Verteidigung und Ernährungssicherheit werden derzeit allzu oft vorgeschoben, um den Schutz unserer Natur kaputtzusparen. Aber wie sicher ist unsere Ernährung, wenn die Bestäubervielfalt derart abnimmt?
Es muss nicht nach Unkraut aussehen: Habichtskrautartige für den Garten
Folgende Arten lassen sich im Garten sehr gut verwenden. Viele von ihnen unterscheiden sich auch stark genug von Löwenzahn und Gänsedisteln, um nicht versehentlichen Jät-Aktionen zum Opfer zu fallen, bei anderen muss man etwas mehr auf Details achten. Hier eine kleine Hitliste, geordnet nach Jahreszeit:
- Wiesen-Pippau (Crepis biennis), hohe Staude für frische Fettwiesen, Beete und Säume, blüht gelb von April bis Juni
- Gold-Pippau (Crepis aurea), dekorative niedrige Staude für frische Wiesen und Beete in mittleren bis hohen Lagen, blüht orange von Mai bis Juni
- Blauer Lattich (Lactuca perennis), mittelhohe Staude für trockene, sonnige und magere Orte, blüht blau im Mai und Juni
- Grosser Bocksbart (Tragopogon dubius), hohe kurzlebige Blume für sonnige, trockene Stellen, blüht gelb im Mai und Juni
- Östlicher Wiesenbocksbart (Tragopogon pratensis ssp. orientalis), hohe Staude für rockene bis frische Fettwiesen, Beete und Säume, blüht gelb von Mai bis Juli
- Öhrchen-Habichtskraut (Hieracium lactucella), niedrige Staude für frische bis feuchte Wiesen und Rasen, blüht gelb im Mai und Juni mit Nachblüte bis in den Oktober hinein
- Wald-Habichtskraut (Hieracium-murorum-Aggregat), mittelhohe Staude für trockene, halbschattige Stellen wie Baumscheiben oder schattige Mauern, blüht gelb und lang von Mai bis September
- Langhaariges Habichtskraut (Hieracium pilosella), niedrige Polsterstaude für trockene, sonnige und magere Stellen, blüht hellgelb und lang von Mai bis in den Oktober hinein
- Orangerotes Habichtskraut (Hieracium aurantiacum), niedrige Staude für magere, sonnige Stellen, blüht leuchtend orange von Juni bis August
- Kleinköpfiger Pippau (Crepis capillaris), mittelhohe kurzlebige Blume für sonnige, nicht allzu feuchte Beete und Töpfe, blüht gelb und zierlich von Juni bis September
- Hasenlattich (Prenanthes purpurea), hohe Staude für halbschattige bis schattige Beete und Säume, blüht rosa von Juli bis August
- Wegwarte (Cichorium intybus), hohe Staude für sonnige bis halbschattige Beete und Säume, blüht blau von Ende Juni bis September
- Bitterkraut (Picris hieracioides), mittelhohe kurzlebige Blume für trockene bis frische Säume und Beete, blüht gelb von Juli bis September
- Herbst-Milchkraut (Leontodon autumnalis), mittelhohe Staude für frische bis feuchte, sonnige Wiesen und Säume, blüht gelb von Juli bis September
- Savoyer Habichtskraut (Hieracium-sabaudum-Aggregat), hohe Staude für den Wurzelbereich von Bäumen und Sträuchern, blüht gelb von August bis Oktober
Auch Salate (Lactuca, Cichorium etc.) und Schwarzwurzeln (Scorzonera), die blühen dürfen, sind sehr gute Nektar- und Pollenquellen. Für mehr Inspirationen und passende Begleitpflanzen finden Sie den Gratis-Pflanzenfinder, der bisher von Floretia unterhalten wurde, neu unter: www.regioflora.ch.