Wicken und Platterbsen: Ein Tummelplatz für Langhörner und Nektardiebe

07/23 | Natur und Wildbienen
Daniel Ballmer, Verein Floretia (daniel@floretia.ch)

Es gibt Pflanzen, an denen ich nicht vorbeigehen kann, ohne kurz stehenzubleiben und Ausschau nach Bienen zu halten. Blühende Bestände von Wicken (Vicia) und Platterbsen (Lathyrus) gehören dazu. Sie werden nicht nur von Hummeln und Honigbienen umschwirrt, sondern auch von einer ganz eigenen Wildbienen-Gemeinschaft.

Gerade an grösseren, gut besonnten Beständen von Wicken lassen sich fast überall Langhornbienen beobachten. In den allermeisten Fällen handelt es sich um die Mai-Langhornbiene (Eucera nigrescens), manchmal ist es auch die seltenere, etwas später fliegende Juni-Langhornbiene (E. longicornis). Nur in den Alpentälern lässt sich gelegentlich auch die bedrohte Wicken-Langhornbiene (E. interrupta) beobachten. Alle drei Arten lassen sich gut in Gärten fördern. Die Fühler der Langhornbienen-Männchen sind mindestens so lang wie ihr Körper und machen sie unverwechselbar. Die Weibchen sind zwar grösser, aber weniger leicht von anderen Wildbienen zu unterscheiden. Langhornbienen nisten im Boden und brauchen dafür sonnige, lückig bewachsene Bodenstellen in der Nähe der dichten Wickenbestände. An solchen Stellen fallen die Männchen recht oft auch auf einen fiesen Trick hinein: Die Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica), eine kleine Orchidee, ahmt mit ihren Blüten die Gestalt und den Duft von Langhornbienenweibchen nach. Männchen, die sich mit den Blüten zu paaren versuchen, tragen den Pollen weiter und bestäuben sie.

Die meisten Wildbienenarten an Wicken und Platterbsen sind wie die Langhornbienen recht gross und bullig. Dies nicht ohne Grund: Besonders die Blüten der grösseren Platterbsen haben einen starken Schliessmechanismus. Sie lassen sich nur mit einiger Kraft aufstemmen und ihr Nektar lässt sich nur mit einem langen Rüssel erreichen. Zu den Bienen, die dies schaffen, gehören die Platterbsen-Mörtelbiene (Megachile ericetorum), die Schwarzbäuchige Blattschneiderbiene (Megachile nigriventris) und die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) sowie mehrere Mauerbienen (Osmia), Pelzbienen (Anthophora) und Hummeln (Bombus). Die weniger fest verschlossenen Wickenblüten werden auch von anderen Arten regelmässig besucht. Dazu gehören unter anderem die Honigbiene, die Rotklee-Sandbiene (Andrena labialis) und die Ovale Kleesandbiene (Andrena ovatula). Bienen mit sehr kurzen Rüsseln sammeln oft nur Pollen an Wicken, der Nektar weit hinten im Kelch bleibt für sie unerreichbar.

Foto: Sarah Grossenbacher
Die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) auf der Duftwicke oder Duftenden Platterbse (Foto: Sarah Grossenbacher).

Es gibt aber eine Bienenart, die trotz ihrem kurzen Rüssel all ihren Pollen und einen Grossteil des Nektars an Wicken und Platterbsen sammelt. Die findige Spezialistin heisst Platterbsen-Sandbiene (Andrena lathyri), obwohl die Zaun-Wicke (Vicia sepium) mit Abstand ihre wichtigste Nahrungsquelle ist. Sie ist eine konsequente Nektardiebin, die Blüten ganz hinten am Kelch aufschlitzt und austrinkt, ohne sie zu bestäuben. Laut dem deutschen Wildbienenspezialisten Paul Westrich tut sie dies sogar bei Blüten, deren Nektar sie auch ohne Raub erreichen könnte. Die Platterbsen-Sandbiene fliegt wie die Mai-Langhornbiene von Mitte April bis Ende Juni, ist aber deutlich seltener als diese. Sie ist nochmals stärker an trockenwarme Lebensräume mit grossen Beständen ihrer Nahrungspflanzen gebunden. Vielerorts findet sie diese kaum mehr oder nur noch am Anfang ihrer Saison.

Die Männchen der Mai-Langhornbiene (Eucera nigrescens) mögen in ihrem schnellen Flug auffallen. Sitzend sind sie aber in dichten Beständen der Zaun-Wicke (Vicia sepium) schwerer zu entdecken (Foto: Daniel Ballmer).
Eine männliche Langhornbiene (wahrscheinlich Eucera nigrescens) an der Blüten der Schmalblättrigen Futter-Wicke (Vicia sativa ssp. nigra) in einer trockenen Fettwiese in Scharans (GR) (Foto: Daniel Ballmer).
Die langen Antennen der Langhornbienen-Männchen sind manchmal sogar im Flug gut erkennbar (Foto: Daniel Ballmer).

Nebst den Bienen beherbergen Wicken und Platterbsen auch einige pflanzenfressende Insekten. Weniger als beispielsweise Hornklee (Lotus) oder Luzerne (Medicago), aber doch nicht wenige. Ein häufiger Gast ist die Ginsterwanze (Piezodorus lituratus) mit ihrem leuchtend gelben Bauch. Selten geworden und im Mittelland sogar ganz ausgestorben ist das Nördliche Platterbsen-Widderchen (Zygaena osterodensis), dessen Raupen an verschiedenen Wicken und Platterbsen aufwachsen. Sein Pendant, das Südliche Platterbsen-Widderchen (Z. romeo) ist im Tessin und in den Bündner Südtälern noch etwas häufiger zu finden. An Wicken findet man zudem die Raupen der Wickeneulen (Lygephila), an Vogel-Wicke (Vicia cracca) gelegentlich auch jene des Kleinen Fünffleck-Widderchens (Zygaena viciae) und der Goldenen Acht (Colias hyale). Zahlreiche spezialisierte Kleinschmetterlinge fressen die Blätter und Schoten der Platterbsen. Einige von ihnen minieren hübsche weisse Muster in die Blätter hinein.

Alle Insektenarten, die Wicken und Platterbsen besuchen, können langfristig nur überleben, wenn ihre Nahrungspflanzen nicht zu früh und nicht komplett abgemäht werden. Besonders wichtig sind deshalb ungemähte oder selten gemähte Lebensräume wie Blumenbeete, Säume und Böschungen. Aber auch Wiesen und Obstgärten, die abschnittsweise und nicht vor Mitte/Ende Juni gemäht werden, spielen eine grosse Rolle.

Das breite Spektrum an Wildbienenarten, die Wicken und Platterbsen besuchen, bedeutet, dass auch ein breites Spektrum an Nistplätzen in der Nähe vorhanden sein sollte. Sand-, Langhorn- und Pelzbienen nisten in sonnigen offenen Bodenstellen. Eine magere Böschung oder eine Nisthilfe für Erdnister aus Schlämmsand («Wildbienensand») nahe an den Futterpflanzen ist für sie ideal. Die Blauschwarze Holzbiene und die Schwarzbäuchige Blattschneiderbiene nisten in totem Laubholz. Mauerbienen und die Platterbsen-Mörtelbiene nehmen verschiedene Hohlräume an, von Käferfrassgängen im Holz über Löcher in Mauern bis hin zu den klassischen «Wildbienenhotels». Hummeln wiederum nisten je nach Art in Moospolstern, in unterirdischen Hohlräumen wie verlassenen Mäusegängen oder in oberirdischen wie Baumhöhlen.

Platterbsen und Wicken für jeden Garten

Wie so oft bei der Wildbienenförderung steht man mit Wicken und Platterbsen vor einem kleinen Dilemma: Pflanzen wie die Zaun-Wicke und die Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus) lassen sich äusserst dekorativ an halbschattigen bis schattigen Orten verwenden. Mit ihnen kann man Stellen im Garten erblühen lassen, wo sich sonst eher wenige Blütenpflanzen wohlfühlen. Aber je schattiger ein Ort ist, desto weniger ihrer Bestäuberinnen fliegen dort. Besonders förderwürdige Arten wie die Platterbsen-Sandbiene und die Sommer-Langhornbiene bleiben den schattigeren und kühleren Stellen gleich ganz fern. Wer mit Wicken und Platterbsen wirklich Wildbienen fördern will, muss deshalb auch sonnige Stellen mit einplanen.

Die Ackerhummel (Bambus pascuorum) ist ein häufiger Gast an der Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus). Sie fliegt dafür manchmal auch weit in den Halbschatten hinein (Foto: Daniel Ballmer).

Ist der Ort einmal festgelegt, findet sich garantiert die passende Pflanzenart dafür. Platterbsen und Wicken zeigen bei uns eine grosse Vielfalt an Arten, Wuchsformen und Blütenfarben. Eine Auswahl davon habe ich Ihnen im Kastentext zusammengestellt. Wichtig ist, wie immer im Wildbienengarten, dass Sie Arten auswählen, die einander im Blühkalender ablösen. Die Blüten sollten möglichst zahlreich, lang und lückenlos zur Verfügung stehen – so geben Sie den Wildbienen die besten Chancen.

Die Wiesen-Platterbse (Lathyrus pratensis) weicht mit ihren gelben Blüten optisch stark von ihren rosa-lila-bläulichen Verwandten ab. Trotzdem wird sie von denselben Bienen angeflogen (Foto: Daniel Ballmer).
Mit ihren hübschen, zweifarbigen Blüten und ihren schönen grossen Fiederblättern bereichert die Frühlings-Platterbse im April Wälder und Gärten gleichermassen (Foto: Daniel Ballmer).
Eine Ginsterwanze (Piezodorus lituratus), noch nicht ganz umgefärbt von ihrem rostroten Winterkleid ins gelbgrüne Sommerkleid. Zwischen den Blättern der Frühlings-Platterbse ist sie trotz ihrer leuchtenden Farben gut getarnt. (Foto: Daniel Ballmer)

Ein Ja zur Zaun-Wicke

Viele Gartenbesitzer/-innen haben ein schwieriges Verhältnis zur Zaun-Wicke oder zu ihrem Pendant an trockenwarmen Lagen, der Schmalblättrigen Futter-Wicke (Vicia sativa ssp. nigra). Wicken mit ihren rankenden Fiederblättern entsprechen meist nicht dem Bild der aufrecht wachsenden, aufgeräumt wirkenden Gartenblume. Zudem haben sie ein Talent dafür, sich an alle möglichen nährstoffreichen Orte zu versamen – und da unsere Gärten vielerorts heillos überdüngt sind, sind Zaun-Wicken allgegenwärtig. Da sie auch mit wenig Licht keimen können, wachsen sie sogar frischfröhlich zwischen dichten, immergrünen Bodendeckern hervor. Damit vervielfachen sie zwar den ökologischen Wert dieser tristen grünen Wüsten, stören aber auch deren cleane Optik. Und trotz alledem: Gerade Zaun- und Futter-Wicken sind wegen ihrer langen Blühdauer die wichtigsten Pollenquellen für Platterbsen-Sandbienen und Langhornbienen.

Der Liebhaberin streng gestalteter Gärten sei an dieser Stelle ein Gedanke ans Herz gelegt: Ja, ein Bodendecker-Beet ohne Wicken wirkt aufgeräumter als eines mit Wicken. Aber genauso aufgeräumt und erst noch schöner wirkt an dieser Stelle eine blühende Staudenmischpflanzung, in der Wicken und/oder Platterbsen bewusst mit eingeplant sind. Selbst die profane Zaun-Wicke wächst nur dort als unansehnlicher schiefer Stängel, wo sie mit anderen Pflanzen konkurrieren muss. Gibt man ihr gebührenden Raum und Nährstoffe und pflegt sie wie eine Gartenblume, bildet sie schöne, dichte Bestände, die sich in so manche Beetgestaltung gut einfügen. Natürlich muss man sie auch so immer noch im Zaum halten. Aber wer diese Herausforderung annimmt, kann mit einer beeindruckenden Vielfalt an Wildbienen rechnen.

Viel einfacher haben es in diesem Fall die Naturgärtner/-innen. In Gärten, die schon lange nicht mehr gedüngt oder sogar von vornherein mit nährstoffarmen Böden gestaltet wurden, breiten sich Wicken kaum von selbst aus. Hier muss man oft sogar mit etwas Komposterde nachhelfen, wenn man die Zaun-Wicke an einer Stelle fördern will.

Die Blüten der Vogel-Wicke (Vicia cracca) sitzen übereinander an langen Stielen und bilden hübsche Farbverläufe von hellblau hin zu intensivem Lila (Foto: Daniel Ballmer).
Bei manchen Populationen der Schmalblättrigen Futter-Wicke leuchten die Blüten in zwei sehr unterschiedlichen Rosatönen (Foto: Daniel Ballmer).

Die verschiedenen Arten im Überblick

Hier ein Überblick über die wichtigsten Wicken und Platterbsen für Wildbienen, die sich gut in Gärten einsetzen lassen und zumindest ab und zu bei Staudengärtnereien erhältlich sind. Drei lang blühende Formen spielen dabei die wichtigste Rolle:

  • Zaun-Wicke (Vicia sepium), wächst in frischen bis leicht feuchten Fettwiesen, Beeten und Gebüschen. Bildet hübsche, kompakte Bestände, klettert wenig; blüht lila von April bis Juni/Juli.
  • Schmalblättrige Futter-Wicke (Vicia sativa ssp. nigra), wächst in trockenwarmen Fettwiesen, Beeten und Äckern, auch gut in Töpfen. Klettert wenig; besticht von Mai bis weit in den Herbst hinein mit einzelnen, intensiv dunkelrosa gefärbten Blüten.
  • Gewöhnliche Vogel-Wicke (Vicia cracca ssp. cracca), wächst ebenfalls in frischen bis feuchten Wiesen, Beeten und Gebüschen. Klettert gerne an Zäunen hoch. Bildet dekorative lila Blütentrauben von Juni bis August und fördert vor allem die späteren Wildbienenarten. Ähnlich lässt sich die Wald-Wicke (Vicia sylvatica) einsetzen, die bei uns vor allem in den Nord- und Ostalpen vorkommt und weisse Blüten mit hübschen dunkelvioletten Adern trägt.

Folgende Arten blühen weniger lang und sollten deshalb miteinander oder mit länger blühenden Arten kombiniert werden, um wirksam Wildbienen zu fördern:

  • Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus), wächst an trockenen bis frischen Orten mit kalkhaltigen Böden, vor allem unter Bäumen und Büschen. Schöner, kompakter, niedriger Wuchs. Blüht mehrfarbig blau-violett im April und Mai, dient deshalb nur frühen Wildbienen wie Hummelköniginnen, Pelzbienen und der Mai-Langhornbiene als Pollenquelle.
  • Wiesen-Platterbse (Lathyrus pratensis), wächst in frischen bis feuchten Wiesen, Beeten und Gebüschen. Bildet in Beeten oft dichte Reinbestände; blüht gelb im Juni/Juli und ist damit eher für die späteren Wildbienen wertvoll.
  • Wald-Platterbse (Lathyrus sylvestris), wächst kriechend an trockenen bis frischen Böschungen und in Gebüschen. Lässt sich gut als Kletterpflanze bis zwei Meter Höhe einsetzen; blüht blassrosa im Juli und August und dient nur späten Arten wie der Juni-Langhornbiene, der Blauschwarzen Holzbiene und einigen Hummelarten als Pollenquelle. Ähnlich einsetzen lassen sich die Breitblättrige Platterbse (L. latifolius) und die Knollige Platterbse (L. tuberosus), zwei mediterrane Arten, die bei uns vor allem im Wallis und im Genferseegebiet heimisch sind. Ebenso die einjährige, südmediterrane Duft-Wicke oder Duftende Platterbse (L. odoratus).

In der Schweiz kommen nochmals gut zwanzig weitere Wicken- und Platterbsenarten vor; die meisten sind aber nicht im Handel erhältlich, lückig verbreitet und/oder als Pollenlieferanten kaum erforscht.

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